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Oliver Tolmein

Mehr als ein Ohr für die Opfer

Ein Nachruf auf Ernst Klee


Der Frankfurter Autor Ernst Klee, der sich für die engagierte, die nicht dazu gehören sollten, ist am 18. Mai gestorben. Er erforschte die "Euthanasie"-Morde, weit bevor die akademische Geschichtswissenschaft sich dafür interessierte.

Tod und Sterben waren große Themen von Ernst Klee. In seinem 1980 veröffentlichten Buch „Behindert. Ein kritisches Handbuch“ resümierte der eng mit Menschen aus der Behindertenbewegung verbundene Journalist, der Sozialpädagogik und Theologie studiert hatte, schon bevor die neue Bioethik-Debatte losgebrochen war, was es heißt, wenn Menschen wissen, dass sie ihre Lebenserwartung kürzer ist als die anderer: „Das Sterben bedenken, heißt das Leben neu gewinnen.“ Er schrieb auch: „Wir müssen unseren Tod mit achtzig genauso meistern, wie mit dreißig.“ Damals war er 38, am Samstag ist Ernst Klee nach schwerer Krankheit mit 71 Jahren zu Hause gestorben.

Nach der Veröffentlichung von „Behindert“ konzentrierte sich Ernst Klee mit seinen Recherchen auf den euphemistisch „Euthanasie“ genannten Massenmord an Menschen mit Behinderungen im NS-Staat. Er wollte genau wissen, was es für die Täter hieß Menschen wegen ihrer Behinderung umzubringen, er spürte aber auch der Frage nach, wieso die Fürsorgeverbände, die sich bislang um die Kranken, Arbeitslosen, Alkoholiker und Behinderten gekümmert hatten, zuließen, dass sie nun als „Minderwertige“ und „Lebensunwerte“ diffamiert wurden. Für Klee, der sich vehement für die „Ent-Therapeutisierung der Behindertenarbeit“ eingesetzt hatte und der gegen die Aussonderung von Menschen mit Behinderungen in seinen Texten als „passive Euthanasie“ angeschrieben hatte, ]war dieses Kapitel der Vergangenheit nicht abgeschlossen. Nur die wenige der Täter waren verurteilt worden, viele der Ärzte, die selektiert und getötet hatten, behandelten weiter. Die Vorstellung, ein Leben mit Behinderung sei nicht lebenswert, beherrscht bis heute viele Köpfe. Klee recherchierte hartnäckig und zeichnete detailreich die Karrieren von Tätern vor und nach 1945 nach; er beschrieb die Seilschaften und, wie er es nannte, die „Vertuschungsgemeinschaft“ und beharrte auf der persönlichen Verantwortung der Ärzte, Juristen und anderer Beteiligte am „Kranken- oder Judenmord." Er zeichnete zudem das soziale Umfeld nach, das diese Verbrechen möglich gemacht hatte. Der Theologe deckte dabei die Rolle der Kirchen auf, die Betreiber vieler Pflegeheime waren, deren Insassen umgebracht worden waren, kritisierte die „ungeheure Staatsgläubigkeit des Protestantismus“, prangerte in scharfen Worten die fehlende Auseinandersetzung der Kirchen mit ihrer Schuld und Verantwortung an – und motivierte damit gelegentliche erste Schritte für eine Aufarbeitung.


Für seine bahnbrechenden historischen Arbeiten erhielt der Autor, der vor seinem Theologiestudium Heizungsbauer gelernt und der nie Geschichte studiert hatte, wichtige Preise: die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt am Main und die Wilhelm-Leuschner-Medaille des Landes Hessen zählen dazu. Vereinnahmen ließ Ernst Klee sich durch die Ehrungen nicht.

Ernst Klee war ein genauer Autor, der sich in den Archiven bestens auskannte und der seine Behauptungen sorgfältig belegen konnte. Er blieb aber stets parteilich und versteckte das nicht. „Wer Tätern nach dem Mund redet, hat kein Ohr für die Opfer“ schrieb er. Seine Empathie und sein Engagement galt der Behindertenbewegung, die sich in den 1980er Jahren schließlich auch von ihm, der in der Öffentlichkeit als „Behindertenpapst“ wahrgenommen worden war, emanzipiert hatte, aber auch den Angehörigen anderer Randgruppen gegen deren Ausgrenzung und Benachteiligung er mit seinen ersten Büchern gestritten hatte, die „Psychiatrie-Report“, „Gastarbeiter-Reportagen“ oder „Nichtsesshaften-Report“ betitelt waren.

Es ist kein Zufall, dass der erste und ausführlichste Nachruf auf Ernst Klee in den kobinet-nachrichten, einem Organ der Behindertenbewegung veröffentlicht wurde. Darin wird einer seiner Mitstreiter aus den frühen Siebziger Jahren zitiert: „Ernst hat uns klargemacht, dass wir nur dann gesellschaftlich erfolgreich sein werden, wenn wir das bisherige Behindertenbild 'dankbar, lieb, ein bisschen doof' umstürzen. Wir haben schon damals an einem Behindertenbewusstsein gearbeitet, das uns heute geläufig ist: autonom und selbstbestimmt leben, mit selbstverständlicher Forderung nach Mobilität, Barrierefreiheit und inklusiver Bildung.“

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