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Oliver Tolmein

Schattenbericht im Rampenlicht: Intersexuelle on air!

Vor dem CEDAW-Komittee der Vereinten Nationen prangern Intersexuelle Menschenrechtsverletzungen an

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25.07.2008 Seite 42

Am 21. Juli 2008, dem Ende der aktuellen Sitzungsperiode des CEDAW-Komitees präsentierten der „Verein intersexueller Menschen e.V.“ und der Zusammenschluss „XY-Frauen“ zum sechsten Staatenbericht der Bundesrepublik Deutschland auf 125 Seiten einen Parallelbericht, der Menschenrechtsverletzungen an intersexuellen Menschen erörtert. Damit ist sichergestellt, dass im nächsten Januar, wenn der Staatenbericht der Bundesrepublik Deutschland erörter werden wird, die Bundesregierung auch Fragen zu diesen Menschenrechtsverletzungen beantworten muss.

Alle vier Jahre haben die Staaten, die dem „Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frauen“ (CEDAW) beigetreten sind, Bericht zu erstatten: Wie viel näher ist das Land dem Ziel allgemeiner Gleichberechtigung gekommen? Was behindert den Fortschritt? Aufschlussreicher als die offiziellen Berichte der Regierungen sind die „Schattenberichte“ von Nichtregierungsorganisationen. Am Ende der aktuellen Sitzungsperiode des CEDAW-Komitees präsentierten jetzt der „Verein intersexueller Menschen e.V.“ und der Zusammenschluss „XY-Frauen“ zum sechsten Staatenbericht der Bundesrepublik Deutschland auf 125 Seiten einen Parallelbericht, der Menschenrechtsverletzungen an intersexuellen Menschen erörtert.

Überraschend war schon die Begründung für das Forum, das sich die Nichtregierungsorganisationen der Intersexuellen gewählt haben: CEDAW sehen sie nicht nur als völkerrechtliches Instrument für Frauenrechte an, sondern als Ressource, die allen zur Verfügung steht, die nicht eindeutig Männer sind. Dass die allermeisten der geschätzt 80 000 bis 120 000 intersexuellen Menschen in Deutschland durch Operationen, Medikamentengaben und Erziehung dabei dem weiblichen Geschlecht zugeordnet werden, ist für sie ein weiteres Argument für die Vorlage des Schattenberichts bei CEDAW, denn auch die fälschlicherweise vorgenommene Behandlung eines Menschen ohne eindeutiges Geschlecht als Frau kritisieren Intersexuelle als Benachteiligung wegen des Geschlechts, die durch das Übereinkommen verboten ist.


Für das von ihnen geforderte Recht auf Anerkennung ihrer Besonderheit stützen sie sich auf Artikel 5 des Abkommens, der dazu auffordert, „einen Wandel in den sozialen und kulturellen Verhaltensmustern von Mann und Frau zu bewirken“. Für die intersexuellen Autorinnen ist das ein erster Schritt zur Überwindung der Vorstellung, es gebe nur zwei Geschlechter, denen jeder Mensch zugeordnet werden könne. Die in der Medizin vorherrschenden Vorgehensweisen bei der Zuweisung von intersexuellen Kindern und Jugendlichen zum Zielgeschlecht ist einer der zentralen Kritikpunkte des Schattenberichts. Die Eingriffe, die oftmals schon im Kleinkindalter, fast immer aber bei nichtvolljährigen und vor allem nicht umfassend aufgeklärten Intersexuellen vorgenommen werden, sind meist irreversibel und stellen, etwa die Kastration bei Menschen mit weiblichem Erscheinungsbild und einem XY-Chromosomensatz, den sogenannten XY-Frauen, erhebliche Eingriffe in die körperliche Integrität dar.


Jetzt werden sich die Bundesrepublik Deutschland und die Berichterstatter von CEDAW mit dem Schattenbericht befassen müssen. Dabei ist die Frage, wie das CEDAW-Komitee mit der erweiternden Interpretation des Frauenrechtsübereinkommens umgeht, genauso spannend wie das Warten auf die Antwort der Bundesregierung, die sich mit dem Thema Intersexualität bislang nur in Antworten auf kleine Anfragen im Bundestag befassen musste. Die NGOs der Intersexuellen arbeiten derzeit an weiteren Berichten: Auch andere Menschenrechtsübereinkommen der Vereinten Nationen tangieren schließlich ihre Lage. Wessen Geschicke bislang nirgendwo geregelt sind, hat guten Grund, jetzt überall hervorzutreten.

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