Zu den Menüs springen

Oliver Tolmein

Zwischenfragen

Man weiß so wenig: Zwitter im Blick von Politik und Forschung

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.03.2002
Die Grünen im Bundestag haben ein Fachgespräch über Intersexualität abgehalten. Die DFG fördert ein großangelegtes Forschungsprojekt mit dem Titel "Intersexualität - Vom Gen zur Geschlechtsidentität". Und etliche Zwitter sind mit der Praxis von Recht und Medizin im Umgang mit ihnen sehr unzufrieden.

Die Debatte über Zwitter, wer sie sind und was sie sein sollen, beginnt nun auch in Deutschland spannend zu werden. Es ist noch kein Jahr her, da gab die Bundesregierung in ihrer Antwort auf eine Anfrage der PDS zu verstehen, daß sie das für die Politik lästige Thema mit Nichtwissen von der Tagesordnung verdrängen wollte: "Solange keine gesicherten Erkenntnisse vorliegen, ob eine Nichtfestlegung des Geschlechtes dem Wohle der Betroffenen dient, ist eine Änderung des Rechtes nicht erforderlich." Damit wollen sich Irmgard Schewe-Gerigk und Volker Beck von Bündnis 90/Die Grünen nicht zufriedengeben. Sie hatten vorgestern zum Fachgespräch über "Intersexualität" geladen, um eine politische Initiative vorzubereiten. Schewe-Gerigk, die frauen- und familienpolitische Sprecherin ihrer Fraktion, kann sich vorstellen, daß vielleicht das Personenstandsgesetz reformiert werden muß. Ob dann dort "Zwitter" als eigenes Geschlecht vorgesehen werden soll, wußte sie im Gespräch mit dieser Zeitung noch nicht zu sagen.

Grundsätzlich sieht die Grünen-Politikerin aber Handlungsbedarf, denn die Stimmung, die die geladenen Interessenvertreter am Mittwoch zum Ausdruck brachten, war zwar nicht einheitlich, aber von deutlicher Kritik an der gegenwärtigen medizinischen Behandlungspraxis getragen, insbesondere an geschlechtszuweisenden Operationen im Kleinkindalter, aber eben auch am geltenden Personenstandsgesetz. Das Resümee von Frau Schewe-Gerigk: "Es sind im Rahmen der Fachanhörung überzeugende Argumente vorgetragen worden, daß man einen Weg für Menschen finden muß, die nicht zwangsweise auf ein Geschlecht festgelegt werden wollen."

Aber nicht nur die Politik, auch die Wissenschaft macht sich verstärkt Gedanken über Zwitter. An der Medizinische Universität zu Lübeck fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft ein auf mindestens drei Jahre angelegtes Projekt "Intersexualität - Vom Gen zur Geschlechtsidentität". Im Rahmen dieses Vorhabens, für das 1,5 Millionen Euro zur Verfügung stehen, werden vier Arbeitsgruppen biologische Grundlagenforschung betreiben. Olaf Hiort, der Sprecher der Forschergruppe, will herausfinden, wie die Genitalentwicklung im Detail abläuft und welche Wirkung vor allem die männlichen Hormone auf einzelne Gene haben. Hiort hofft auf Erkenntnisse, die grundsätzlich erklären können, warum Mann und Frau so unterschiedlich sind, wie sie nach seiner Auffassung sind.

Zwei weitere Arbeitsgruppen, von denen eine die Hamburger Sexualwissenschaftlerin Hertha Richter-Appelt leiten wird, sollen sich mit epidemiologischen Fragen und der psychosozialen Seite der Intersexualität befassen. So sollen Kriterien entwickelt werden, anhand derer sich "Lebensqualität" intersexueller Menschen erfassen läßt. Es soll in klinischen Follow-Up Studien auch nachgezeichnet werden, was aus behandelten intersexuellen Menschen geworden ist. Auch Hiort sieht als entscheidendes Problem der Mediziner derzeit das "Nicht-Wissen" an. Es gebe noch nicht einmal eine klare Vorstellung davon, von wie vielen Patienten man rede, wenn man über Intersexuelle spreche. Zwar sind im Rahmen der Klassifikation von Krankheiten nach dem Internationalen ICD-10 Maßstab sieben Diagnosen den verschiedenen Formen von Intersexualität zugeordnet, bislang existiert aber keine bundesweite statistische Erhebung, wie oft diese Diagnosen gestellt werden.

Hier setzt ein weiteres Projekt an, das Hiort zusammen mit Wissenschaftlern der Universität Kiel ins Werk setzen will: Er hat 500 000 Euro aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung beantragt, um ein "Kompetenznetzwerk" aufzubauen, im Rahmen dessen Kliniken, die intersexuelle Menschen behandeln, sich austauschen können. Über die Bewilligung des Geldes wird im Juli entschieden werden. Im Vorlauf für dieses Vorhaben ist eine Erhebung über "Genitale Fehlbildungen" bei allen bundesdeutschen Kinderkliniken durchgeführt worden. Hiort schätzt im Lichte dieser Untersuchung, daß jährlich etwa 100 bis 120 Kinder geboren werden, die als intersexuell auffallen. Da sich Intersexualität bisweilen aber auch erst in der Pubertät zeigt, liegt die Zahl der potentiellen Patienten deutlich höher.

Hiort hat Patientengruppen um Kooperation gebeten. Das Wohl der Patienten ist, wenn man mit ihm über sein Projekt spricht, auch Dreh- und Angelpunkt seiner Forschungsarbeit. Daß es ganz so einfach nicht ist, wird deutlich, wenn es um das Thema "Pränataldiagnostik" geht. Denn wer sind die Patienten? In diesem Fall die Eltern. Und deren Interessen können denen ihrer zukünftigen Kinder entgegengesetzt sein. Zwar ist das Screening nach intersexuellen Feten nicht ausdrücklich Thema des DFG-Projekts. Im Zusammenspiel von Forschung und klinischer Arbeit und angesichts des Anspruchs, vor allem mehr Wissen akkumulieren zu wollen, spielen aber auch pränatale Untersuchungen eine Rolle. "Eltern kommen zu uns und fragen nach Untersuchungen." Da sich Intersexualität in vielen Fällen pränatal diagnostizieren läßt, meint Hiort, "gibt es keine Lösungsmöglichkeit". Und das heißt: es wird untersucht. "Denn bin ich jemand, der den Eltern etwas verweigern kann?"

Manche Zwitter stehen dem nun erwachten Interesse der Wissenschaft skeptisch gegenüber. Denn die Forschung, die sich darauf konzentriert, die hormonellen und genetischen Mechanismen im Detail zu erkunden, kann für eine auf Anerkennung und gegen Diskriminierung gerichtete Strategie durchaus kontraproduktiv sein. Und das nicht nur, weil hier individuelle Besonderheiten vor allem als Krankheiten ins Visier genommen werden. Schwerer wiegt, daß bei soviel Konzentration aufs biologische Detail die grundlegende Frage aus dem Blick gerät: Was ist das "Geschlecht", von dem hier Abweichungen konstatiert werden? Die Erwägung des normativen Gehalts auch von biologischen und medizinischen Voraussetzungen ist nicht Gegenstand der Forschung von Hiort und seiner Gruppe. In einer aktuellen Presseerklärung der Medizinischen Universität zu Lübeck wird der Mediziner denn auch mit der schönen Erkenntnis zitiert: "Intersexuelle haben eine echte biologische Auffälligkeit. Ansonsten sind sie Menschen wie du und ich. Sie fallen nicht als schrille Vögel auf, sondern versuchen ihr normales Leben zu führen."

Die Antwort des Forschers auf die Frage, ob er denn eine Anerkennung von "Zwitter" als eigenständiges Geschlecht, wie sie in München beantragt worden ist (F.A.Z. vom 17. Oktober 2001) im Rahmen des Personenstandsgesetzes begrüßen würde, fällt denn auch zurückhaltend aus. "Ich bin da ganz emotionslos", stellt er klar. Für manche möge das, räumt der Kliniker zögernd ein, gut sein. Für die meisten seiner Patienten dagegen sei es viel wichtiger eine exakte Diagnose zu haben und genau zu wissen, welche Abweichungen ihren Körper so beeinflußt hätten. Welche Therapie für die einzelnen Zwitter die beste sei, lasse sich nur individuell beurteilen. Wahrscheinlich werde es auch am Ende des DFG-Projekts mehr Wissen, aber keine verbindlichen Behandlungsrichtlinien geben.

Eine Hoffnung hat Hiort allerdings: daß die Erkenntnisse über das Zusammenspiel von Genen und Hormonen den Weg für pharmakologische Behandlungen mancher Intersexueller ebnet. "Das interessiert auch die meisten meiner Patienten." Andere Intersexuelle allerdings interessieren sich vor allem dafür, nicht mehr als Patienten gesehen zu werden. Die Debatte über Zwitter steht noch am Anfang. Ob es eine Debatte wird, in der auch andere Geschlechter eine Rolle spielen werden, ist auf allen Ebenen offen.

Seitenanfang


Servicemenü