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Oliver Tolmein

Die "Benz"-Variante

Veröffentlicht in: Konkret 09 / 96, S. 28
Nach achteinhalb Jahren Illegalität ist er wieder aufgetaucht: Die Bundesanwaltschaft hat das Verfahren wegen Mitgliedschaft in einer "terroristischen Vereinigung" gegen Uli Dillmann eingestellt. Oliver Tolmein sprach mit ihm über seine Erfahrungen

KONKRET: Gegen dich wurde wegen Mitgliedschaft in einer "terroristischen Vereinigung" ermittelt. Vor achteinhalb Jahren bist du von der Bildfläche verschwunden. Warum?

Dillmann: Am 18. Dezember 1987 fanden bundesweit Hausdurchsuchungen statt. Die Razzia unter dem Kodewort "Aktion Zobel" richtete sich gegen vermeintliche Mitglieder bzw. Unterstützer/innen der "Roten Zora" und der "Revolutionären Zellen". Auch meine Wohnung wurde damals durchsucht. Ich hatte keine Lust, unter dem Druck und der Observation der "Herren des Morgengrauens" zu leben. Deshalb habe ich es vorgezogen, für die Staatsorgane unerreichbar zu sein.

KONKRET: "Emma" hat 1989 von dir behauptet, daß du "Undercoveragent" des Bundesamtes für Verfassungsschutz und ein "Agent Provocateur" seist - vor allem weil es keinen Haftbefehl gegen dich gab.

Dillmann: Der Gang der Dinge hat, denke ich, recht eindrucksvoll gezeigt, was für eine abenteuerliche und von keiner genauen Kenntnis der Vorgänge getrübte These das war und ist. Interessant daran ist heute nur noch, daß die Rate-Expertin Schwarzer damals die Aussage von Ingrid Strobl aufgegriffen hat, sie habe einen Wecker, der angeblich bei einem Anschlag gegen die Lufthansa und den Sextourismus benutzt worden war, an einen "Mister X" weitergegeben. Ohne diese Einlassung wären die Spekulationen, daß ich dieser Mann sei und zudem noch vom Staatsschutz bezahlt würde, kaum aufgekommen. Für mich zeigt dies noch einmal sehr deutlich, wie problematisch und folgenreich für andere selbst Aussagen in Gerichtsverfahren sein können, die nur einen selbst entlasten sollen und in denen kein Name genannt wird.

KONKRET: Warum konntest Du jetzt plötzlich zurückkehren?

Dillmann: Die Bundesanwaltschaft hat am 12. März 1996 das Ermittlungsverfahren gegen mich "mangels Beweisen" eingestellt. Juristisch gibt es damit keinen Grund mehr, wegzubleiben.

KONKRET: Und wieso mangelt es jetzt plötzlich an Beweisen?

Dillmann: Die Frage ist wohl eher, auf welcher Grundlage achteinhalb Jahre lang ermittelt wurde.

KONKRET: Hat es zwischen dir und dem Verfassungsschutz Absprachen oder Gespräche gegeben?

Dillmann: Nein. Ich habe weder mit dem Verfassungsschutz noch mit der Bundesanwaltschaft oder sonstigen Staatsschutzorganen Gespräche geführt oder Absprachen getroffen. Weder in der Bundesrepublik noch in einem anderen Land. Es hat auch keine Vermittlungsgespräche anderer Personen gegeben. Allerdings ist mehrmals ein Verfassungsschützer, der sich "Herr Benz" nennt, sowohl bei meinen Eltern als auch bei meiner Rechtsanwältin aufgetaucht, um so mit mir in Kontakt zu kommen. Nachdem diese Versuche ins Leere gelaufen sind, hat sich die Bundesanwaltschaft - so scheint es mir jedenfalls - entschieden, das Verfahren gegen mich offiziell einzustellen. Und auf dieser Grundlage bin ich ohne behördliche Hilfe zurückgekehrt.

KONKRET: Weißt du etwas über die sonstigen Aktivitäten von "Benz"?

Dillmann: Soweit mir bekannt ist, hat der Verfassungsschutz mehrmals bei verschiedenen Gelegenheiten und gegenüber unterschiedlichen Personen angeboten, solchen Leuten, die als Mitglieder oder Unterstützer/innen der "Roten Zora" und der "Revolutionären Zellen" gesucht werden und abgetaucht sind, bei ihrer Legalisierung zu helfen, sprich, mit den jeweiligen Behörden Vorgespräche zu führen und mögliche Wege zu ebnen. Dabei präsentiert sich der Typ, der den Aliasnamen "Benz" benutzt, als Vermittler. Er behauptet, daß er, falls sich jemand stellen will, mit der BAW das Strafmaß für die jeweilige Person aushandeln könne. Allerdings übernimmt er keine Garantien dafür, daß dann alles so klappt. Die Aktivitäten von "Benz" erwecken den Eindruck, als wolle der Staatsschutz, nachdem die Zielfahndungskommandos jahrelang ohne Ergebnis gearbeitet haben, die verbliebenen Fälle aus dem Bereich "Rote Zora" und "Revolutionäre Zellen" quasi einvernehmlich abwickeln, um auch dieses Kapitel des militanten und bewaffneten Widerstands in der Bundesrepublik endlich als "erledigt" abhaken zu können. "Benz" funktioniert also als Scharnier zwischen dem polizeilichen und juristischen Verfolgungsinteresse einerseits und den Opportunitätserwägungen der Politik andererseits. Schließlich hat die Kronzeugenregelung nicht dazu geführt, daß sich Gesuchte stellen. Auch die vom Staatsschutz angebotenen Abschwörrituale haben nur bei den "DDR-Aussteigern" der RAF verfangen. Und nun - behaupte ich - ist die Vorbedingung für ein möglicherweise moderates Vorgehen der Justiz, daß jemand "freiwillig" wieder auftaucht, sich zur Anklage äußert und vor Gericht erscheint. Dabei wird nicht nur das zu erwartende Strafmaß, sondern auch der Umfang der Einlassung zur Anklage im Vorfeld über "Herrn Benz" abgekaspert.

KONKRET: Wie kommt es dann, daß diese "Benz"-Aktivitäten - anders als Kronzeugenregelung und andere Aussteigerprogramme - bislang kaum öffentlich propagiert worden sind?

Dillmann: Ich denke, weil eine klammheimliche Abwicklung für den Verfassungsschutz mehrere Vorteile besitzt. Zum einen, weil sie die Gefahr von Querschüssen aus den Reihen der Hardliner von Bundesanwaltschaft, BKA und Politik minimiert. Zum anderen verhindert das Agieren hinter den Kulissen, daß für den Verfassungsschutz unliebsame Diskussionen in der Öffentlichkeit - und natürlich auch in der linken Öffentlichkeit - zustandekommen. Trotzdem ist das gesamte Vorgehen in weiten Kreisen kein Geheimnis. Und ich bin der Meinung, daß es auch jenseits der direkt Betroffenen zur Kenntnis gelangen sollte. Zumal es im Zusammenhang mit der Staatsschutzaktion im Dezember 1987 gegen die "Rote Zora" und die "Revolutionären Zellen" eine breite Solidaritätsbewegung gegeben hat. Zumindest alle diejenigen, die damals daran teilnahmen, haben meines Erachtens ein Anrecht darauf, über das Warum und das Wie der Rückkehr derjenigen, die damals abgetaucht sind und nach denen öffentlich gefahndet wurde bzw. zum Teil noch wird, informiert zu werden.

KONKRET: Hältst du die "Benz"-Offerte für einen grundätzlich nicht gangbaren Weg?

Dillmann: Ich kann sehr gut verstehen, wenn jemand nach vielen Jahren der Illegalität zurückkehren will, die Schnauze voll hat. Das ewige Verstecken und Verstellen kostet sehr viel Kraft - psychische wie physische. Zusätzlich haben sich die politischen Koordinaten in den letzten Jahren erheblich verändert. Vor diesem Hintergrund bin ich in der glücklichen Situation gewesen, daß das Ermittlungsverfahren gegen mich eingestellt wurde. Um zurückzukommen, brauchte ich nicht auf die "Benz"-Initiative einzugehen. Somit befinde ich mich gegenüber den anderen in einer privilegierten Situation. Und aus dieser heraus sage ich: Es liegt in den Händen der Bundesanwaltschaft, die Strafverfahren gegen die übrigen Personen ebenfalls einzustellen.

KONKRET: Wo hast du dich in den letzten Jahren aufgehalten?

Dillmann: Ich war die meiste Zeit im Hades und zwischendurch in Atlantis.

KONKRET: Und wie hast du in den achteinhalb Jahren Illegalität gelebt?

Dillmann: Gut, weil ich nicht im Knast gesessen habe. Daß ich einen Tag wirklich schlecht gelebt hätte, kann ich nicht behaupten. Aber es hat natürlich miese Zeiten gegeben. Momente, in denen ich niedergeschlagen und deprimiert war, in denen mir die veränderte Lebenssituation auf den Geist gegangen ist. Ich war von heute auf morgen aus meiner gewohnten Umgebung herausgerissen und mußte in einer Umgebung leben, die ich mir nicht ausgesucht hatte. Ich mußte mich nicht nur verstecken, sondern auch verstellen. In der ersten Zeit habe ich, bevor ich die Wohnung verließ, die Umgebung abgecheckt, vermieden, im Treppenhaus einem Hausnachbarn zu begegnen, und mich bemüht, mit niemandem aus meiner Lebensumgebung zusammenzutreffen. Stammkneipe - geschenkt. Leute, die du mal in deine Wohnung einlädst - unmöglich.

KONKRET: Wie hat sich diese Art zu leben auf dich ausgewirkt?

Dillmann: Am Anfang habe ich mich immer mehr in meine Wohnung zurückgezogen. Aus dem Radio gehört, was in der Welt passiert, und die Realität durch die Bildröhre des Fernsehens wahrgenommen. Eine unwirkliche Welt. Politische Diskussionen haben mich mit Ausnahmen mittels beschriebenen Papiers nicht erreicht. Wenn du dann alles gelesen und darüber nachgedacht hast, fehlen dir die Gesprächspartner/innen. Und sitzt dir dann endlich jemand gegenüber, mit dem du über das Gelesene reden könntest, haben die politischen Diskussionen bereits eine andere Richtung genommen, und du wirst mit neuen Diskussionsbeiträgen konfrontiert.
Normale Alltagskommunikation wurde plötzlich für mich zum Problem. Alle Menschen haben sich etwas zu erzählen, wenn sie sich zufällig in Bahn und Bus, in Kneipen oder Restaurants begegnen. Du isolierst dich, du schweigst - mit dem Ergebnis, daß du abseits stehst. Oder du erzählst erfundene Geschichten. Aber auch das birgt viele Risiken.
Früher bin ich bei Zahnschmerzen einfach zum Arzt gegangen. Plötzlich konnte ich nicht mehr meinen Krankenschein zücken. Bevor ich zum Zahnarzt gehen konnte, habe ich erst mal stundenlang darüber nachgedacht, was ich dem erzähle, welche Daten ich bei der Sprechstundenhilfe angebe. Dinge, über die ich früher nicht eine Sekunde nachgedacht habe, weil sie mir selbstverständlich waren, bekamen nun riesige Dimensionen. Der Nachbar schlägt seine Frau - du drehst den Fernsehton lauter. In der Kneipe werden Ausländer angemacht - du schweigst, trinkst dein Bier aus und zahlst. Mensch möchte schließlich nicht auffallen.

KONKRET: Trotzdem siehst Du nicht gerade fertig aus.

Dillmann: Bin ich auch nicht. Schließlich gab es jede Menge schöne Situationen. Du lernst neue Menschen kennen, mit ganz anderen Erfahrungen als den deinen. Du lernst zuhören, obwohl mir das noch immer sehr schwer fällt. Du beginnst dir eine Lebensgeschichte zu stricken, die auf der einen Seite Teile deiner wirklichen Lebensgeschichte enthält, aber doch so weit von deiner früheren Wirklichkeit angesiedelt ist, daß es nicht auffällt. Und nicht zuletzt habe ich Menschen kennengelernt, die von meiner Situation wußten und die mich einfach in ihren Freundeskreis integriert haben. Meine "Vergangenheit" spielte keine Rolle mehr. Ich war Bekannter von jemanden, und darüber haben sich andere Dinge entwickelt, Freundschaften und Bekanntschaften. Du wirst als der Mensch geschätzt, den du im Moment verkörperst.

KONKRET: Wird die Illegalität über die Jahre Routine?

Dillmann: Natürlich. Du gewöhnst dich daran. Und ich glaube heute, ohne diesen Anpassungsprozeß hält mensch das auch nicht lange aus. Aber es verlangt dir auch eine verfluchte Disziplin und den Willen ab, sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren.

KONKRET: Welche Rolle spielt dabei die Hoffnung, irgendwann wieder legal leben zu können?

Dillmann: Für mich hat diese Hoffnung keine Rolle gespielt. Zwar habe ich schon mal mit jemandem darüber geredet, so nach der Devise: "Was macht man, wenn ..." Aber das waren mehr Spinnereien, weinselige Gespräche, als seriöse Planungen. Ich halte das auch für äußerst gefährlich. Wenn du beginnst, Tage zu zählen, wirst du verrückt im Kopf. In den letzten Monaten haben mich ganz andere Dinge beschäftigt: Will ich all das, was ich gelebt habe, wieder tauschen? Die Entscheidung zur Rückkehr ist mir sehr schwer gefallen. Denn so wie der Entschluß, abzutauchen, einen Sprung ins kalte Wasser für mich darstellte, so bedeutet auch die Rückkehr zu früheren Verhältnissen und politischen Zusammenhängen, die mir zwangsläufig fremd geworden sind, einen Schritt ins Ungewisse.

KONKRET: Wovon hast Du all die Jahre gelebt?

Dillmann: Von Luft und Liebe! Nein, im Ernst: Das Kohleproblem begleitet einen ständig, aber wie du siehst, habe ich nicht am Hungertuch genagt. Immer waren Frauen und Männer da, die mich unterstützt haben. Ihnen allen möchte ich danken. Und wenn es trotz alledem mal eng wurde? Herrjeh, guck dir die Flüchtlinge an, die hier in Europa versuchen, ihr Überleben zu organisieren. Dagegen ging es mir wirklich die ganze Zeit blendend.

KONKRET: Was hast du jetzt vor? Welche Pläne hast du?

Dillmann: Zuhören und mich umschauen, mich mit den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in Deutschland auseinandersetzen. Eine Wohnung muß ich mir suchen, mein Leben organisieren. Mehr Pläne habe ich nicht, will ich auch nicht machen. Der Rest wird sich ergeben.

KONKRET: Ist dir bekannt, ob die nach wie vor gesuchten Personen ebenfalls über eine Rückkehr nachdenken?

Dillmann: Wenn die Staatsschutzbehörden der Bundesrepublik Deutschland wirklich wollen, daß sich die gesuchten Genoss/inn/en legalisieren, dann gibt es meiner Meinung nach eine sehr einfache und glaubwürdige Form, um dies zu erreichen: Die Bundesanwaltschaft muß alle Haftbefehle aufheben und sämtliche Ermittlungsverfahren einstellen.

( ... )

"Aktion Zobel"
Das Interview mit Uli Dillmann lenkt den Blick noch einmal auf die "Aktion Zobel" von BKA und Bundesanwaltschaft, deren bekanntestes Opfer die Journalistin Ingrid Strobl war, die damals verhaftet wurde (KONKRET 3/89). Sie hatte einen Wecker der Marke "Emes Sonochron" gekauft, den die "RZ" bei einem Anschlag auf den Kölner Flughafen verwendet haben soll. Auch andere Leute aus der linken Szene, von denen das BKA behauptet, sie hätten einen der "anschlagsrelevanten" Wecker dieses Typs gekauft, wurden damals mit Haftbefehl gesucht - allerdings ohne Erfolg. Sie waren abgetaucht. Eine Frau lebt seit einigen Wochen wieder legal - ihr wird in Stuttgart-Stammheim der Prozeß wegen Mitgliedschaft in einer "terroristischen Vereinigung", den "RZ", gemacht werden. Zwei weitere Personen werden noch mit Haftbefehl gesucht. Eine bemerkenswerte Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Verfassungsschutz-Agent "Benz", der seit längerem versucht, Illegale zur Rückkehr in den deutschen Alltag zu bewegen (KONKRET 3/93). Daß der Staatsschutz auch anders kann, hat er im Fall Dillmann gezeigt: Zwei Freundinnen des Gesuchten, gegen den die Indizien so schwach waren, daß nicht einmal ein Haftbefehl erlassen worden war, wurden 1989 für mehrere Wochen in Beugehaft genommen, weil sie, nach Dillmanns Aufenthalt befragt, jede Aussage verweigerten: "Die Angaben der Zeuginnen sind für die Fortführung des Verfahrens von entscheidender Bedeutung, weil im derzeitigen Stadium kaum noch andere Beweismittel, durch die der Tatverdacht überprüft werden kann, zur Verfügung stehen", urteilte der Bundesgerichtshof 1989 lakonisch.

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