Langer Rede deutscher Sinn

07.05.2002 | AutorIn:  Dr. Oliver Tolmein | Legale Linke

Oskar Negt, die RAF und Angela Davis

konkret, Mai 2002: Eine Erinnerung an Oskar Negts Rede gegen die Solidarität mit der RAF auf dem Frankfurter Angela Davis Kongreß 1972 und eine Überlegung warum der Soziologe mehr mit seinen Gegnern gemein hatte als ihm lieb sein konnte.

Als der Soziologe Oskar Negt am 3. Juni in Frankfurt ans Rednerpult trat hatte er sich keine leichte Aufgabe gestellt. Auf dem Kongreß „Am Beispiel Angela Davis“ sollte einerseits Solidarität mit der schwarzen Befreiungsbewegung in den USA demonstriert werden, andererseits hatte in den vier Wochen zuvor die RAF mit ihrer Mai-Offensive die deutsche Öffentlichkeit verstört. Die Anschläge auf das Hauptquartier des V.Corps der US-Armee, auf das europäische Hauptquartier der US-Armee in Heidelberg, aber auch auf das Springer-Hochhaus in Hamburg, auf Polizeidienststellen in München und Augsburg und das Bombenattentat auf den BGH-Ermittlungsrichter Buddenberg führten auch innerhalb der Linken, in der damals der bewaffnete Kampf noch nicht als erledigter Fall betrachtet wurde, zu scharf geführten Kontroversen.

Nun war Solidarität mit Angela Davis zu üben einerseits einfach, weil ihr eine lange Haftstrafe für die Teilnahme an einer Gefangenen-Befreiungsaktion der „Black Panther“ drohte, an der sie nicht beteiligt war. Der schwarze Widerstand in den USA, mit dem sich Angela Davis verbunden fühlte, war allerdings nicht gewaltfrei. Negts Rede löst das Problem, wie man sich für die militanten Antirassisten in den USA stark machen konnte ohne sich mit den bewaffneten Kämpfern in der BRD gemein machen zu müssen, auf mäßig elegante Weise. Sie ist deswegen auch ein Beispiel für die damalige Stimmungslage sozialistischer Intelektueller, die fürchteten, die Mobilmachung gegen die RAF könnte die Bedingungen für ihre legale linke Politik verschlechtern. Negts wichtigstes politisches Anliegen mit seiner Rede war es deswegen, sich unmißverständlich und entschieden von der RAF zu distanzieren – und dafür möglichst breite Unterstützung in der Linken zu erhalten. In scharfen Worten attackierte er daher die „erpresserische Solidarität“, in die die RAF, die Protestbewegung zwänge und er warnte vor „Minderwertigkeitskomplexen gegenüber der angeblich großen, revolutionären Politik der ‚Roten Armee Fraktion’, die die Alltagsarbeit der Basisarbeit auf das Niveau blinder Handwerkelei herabdrückt.“ Die Sache der RAF, so seine zutreffende Analyse, war angesichts der Massenloyalität, auf die sich die „halbwegs funktionierenden demokratisch-parlamentarischen Systeme“ stützen könnten, in den zwei Jahren seit der Gründungserklärung „Die Rote Armee aufbauen“ verloren.

Die scharfe Kritik Negts an der RAF erfolgte zu einem Zeitpunkt als nach den Anschlägen der Mai-Offensive Andreas Baader, Jan Carl Raspe und Holger Meins bereits verhaftet worden waren. Nach anderen Mitgliedern der Gruppe, vor allem nach Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof wurde mit Hochdruck gefahndet. Die Aufforderung, nicht solidarisch zu sein, war in dieser Situation keine Frage allgemeiner Moral oder Ideologiekritik, sie war durchaus praktisch gemeint: Ohne Unterstützung bei der Suche nach Wohnungen, nach Fluchtfahrzeugen und ohne direkte materielle Unterstützung hatten die Illegalen kaum eine Chance der Verhaftung zu entgehen. Und tatsächlich wurde Ulrike Meinhof keine 14 Tage nach Negts Auftritt von einem Quartiergeber an die Polizei verraten.

In auffälligem Kontrast zu diesem klaren Trennstrich den Negt zwischen legaler Linker und der RAF zog, stand das Kernstück seiner Rede, die Kritik an den USA, die allerdings wenig mit dem Verfahren gegen Angela Davis zu tun hatte, sondern vor allem den Vietnamkrieg thematisierte. Schon in den ersten Minuten der Rede sprach er vom „Völkermord in Vietnam“ und weckte damit eine Assoziation, die er konsequent weiterführte. „Unglaubwürdig wird“ adressierte er seine Überlegungen an die „führenden Politiker“, wer „zwar den Antisemitismus der Nazis verurteilt, aber für den gegenwärtigen Rasismus in Südafrika oder den Vereinigten Staaten, wohlwollendes Verständnis aufbringt.“ Das war hübsch gesagt, nicht nur weil es den Rassismus in den USA mit der südafrikanischen Apartheid-Politik gleichsetzte, ohne die gravierenden Unterschiede zu registrieren. Beeindruckender war noch, wie Negt beides in Beziehung zum „Antisemitismus der Nazis“ setzt. Schon diese Formulierung klang auch damals befremdlich, nicht weil sie etwas unzutreffendes behauptete, sondern weil sie diskret in den Hintergrund rückte, dass an den Nazis nicht ihr Antisemitismus an sich charakteristisch war, antisemitisch waren auch nicht-nazistische Deutsche und Angehörige anderer Nationen. Die systematische Ermordung von Millionen von Juden wird an anderer Stelle in Negts Diskussionsbeitrag auffallend unbestimmt und ohne daß Erwähnung fände, wer die Opfer waren, papiern als „Verwaltungsmassenmord“ bezeichnet: „Nicht nur die alltäglich auf Vietnam niedergehende Bombenlast überschreitet bei weitem die des Zweiten Weltkriegs; die mechanische Vernichtung von Menschenleben hat Ausmaße angenommen, die sehr bald den Verwaltungsmassenmord des Dritten Reiches in den Schatten stellen können.“ Und für den Fall, daß jemand immer noch nicht verstanden haben sollte, mühte sich Negt wenig später erneut historische Parallelen augenfällig zu machen: „Was ist aber der Unterschied zwischen Strafexpeditionen der Nazis in Oradour und Lidice und einem vernichteten vietnamesischen Dorf, wenn feststeht, dass es begrenzbare militärische Ziele nicht gibt?“

Der Unterschied zwischen dem „vernichteten Dorf“ und den „Strafexpeditionen der Nazis“ war der zwischen Mörder und Gemordetem, aber Negt meint nicht was er sagte, sondern das Gegenteil, das er sich aber nicht zu formulieren traute. Ganz sozialdemokratischer Sozialist gab er lieber zu verstehen, als daß er klar aussprach, dass er keinen Unterschied sah zwischen den SS-Schergen von einst und den GIs in Vietnam. Und so ging es in der Rede dann immer weiter: Gewaltig im Ansatz, vage und allgemein im Wortlaut und an entscheidender Stelle stets eine verwaschene Formulierung: Es gab in Deutschland, folgte man Negts Beitrag, „Mitläufer und stille Dulder des Naziregimes“, nur von Tätern war nicht die Rede. Die im Dritten Reich einfach weitergemacht und geschwiegen hatten, die, so Negt, „stillen Dulder“ wollten nichts wissen „von der Gewalt, von den Konzentrationslagern“. Und wenn es jetzt besser ist, dann hat die „erste zivile Generation auf deutschem Boden“ etwas gelenrt - aus dem tausendjährigen Reich?, nein: „aus der 50jährigen Katastrophengeschichte der deutschen Jugend“. Wer war die Katastrophe und wer die Geschädigten dieser Geschichte? In Negts Rede, schien das so selbstverständlich, dass es sich nicht lohnte es auszusprechen. Angesichts seiner sonstigen Redundanz und Detailversessenheit allerdings erscheint die Zurückhaltung an diesemPunkt nicht zufällig. Die deutschen Verbrechen lieferten in der Rede über „Sozialistisch Politik und Terrorismus“ nur alle paar Sätze den Maßstab für Gleichsetzungen einer Art. Die USA, so der linke Rosenkranz, machen es genauso schlimm, wenn nicht schlimmer, wie die deutschen Nazis. Die Methode konnte nur verfangen, weil Negt genauso konsequent wie er gleichsetzte die Reflektion über das seinen Vergleichen zugrundeliegende Geschehen unterließ: Über den Holocaust findet sich in der Rede kein Wort. Das ist, wie ein Blick in seine 1972 mit Alexander Kluge veröffentlichte Untersuchung „Öffentlichkeit und Erfahrung – Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und demokratischer Öffentlichkeit“ zeigt, nicht dem Rede-Charakter seines Vortrags geschuldet. In „Öffentlichkeit und Erfahrung“ fassen Negt und Kluge ein ganzes Kapitel über „Die Phase der imperialen Massenmobilisierung (Faschismus, Nationalsozialismus)“ ab, in dem zwar die Zerschlagung der Arbeiterklasse, die Intelektuellenfeindlichkeit des Nationalsozialismus und dessen Terrorkampagnen gegen bestimmte Berufsgruppen thematisiert werden, die „ ‚Liquidierung der Juden’ “ findet aber nur in Anführungszeichen gesetzt am Rande als Fetischisierung einer bügerlichen Akkumulationsweise kurz Erwähnung.

Hatte Negts Lehrer Theodor W. Adorno noch zur Maxime gemacht, dass es vor allem darauf ankomme „daß Auschwitz nicht noch einmal sei“, übte sich Negt, wie viele Linke darin, Auschwitz überall und vor allem auf Seiten der ehemaligen Kriegsgegner zu entdecken ohne sich andererseits mit dem was Auschwitz, was den Verbrechen der Nationalsozialisten eigentümlich ist, überhaupt auseinandersetzen zu wollen. Die Vergleiche meinen deswegen nicht mehr als das diese wie jene für eine hohe Anzahl Toter und ein besonderes Maß an Gewalt verantwortlich waren. Der Vergleich der nationalsozialistischen Verbrechen mit den Kriegsverbrechen der USA in Vietnam war damit ein erster entscheidender Schritt hin zu einem Diskurs der Normalisierung. Die US-Amerikaner, daran ließ Negt in seiner Rede am 3. Juni 1972 keinen Zweifel, gingen in Vietnam wie die schlimmeren, schrecklicheren und grausameren Nazis vor. Deswegen wurde dem deutschen Innenminster, der angesichts der Anschläge der RAF Gesetzesverschärfungen vorschlug attestiert, er zielte auf eine „Amerikanisierung der Verbrechensbekämpfung“ und als der deutsche Soziologe illustrieren wollte, zu welchen reaktionären Kapriolen die kapitalistischen Staaten in der Lage sind, zog er als Kronzeugen nicht etwa einen deutschen Kriminalbiologen heran sonder verwies auf „einen engen Freund Nixons“, der „vorgeschlagen (hat), Massenuntersuchungen aller 6 – 8 jährigen Kinder einzuleiten, um festzustellen, ob sie kriminelle Verhaltensanlagen zeigen.“ Nimmt man Negts Aversionen gegen die USA ernst, könnte man sich allerdings fragen, wieso er die Angriffe der RAF auf us-amerikanische Militäreinrichtungen in Deutschland, auf Einrichtungen einer Armee also, die der Verbrecherorganisation SS in nichts nachstehen sollte, nicht begrüßte, sondern als „unpolitische Taten“ von „Desperados“ abqualifizierte. Einerseits fällt auf, dass Negt in seiner Rede nur auf die anderen, die nicht gegen die US-Armee gerichteten Anschläge einging. Andererseits hat die Antwort darauf mit Negts Vertrauen in die deutsche Arbeiterbewegung zu tun – und mit seiner Lage als linker Wissenschaftler, der sich wegen der Aktionen der RAF, wie er wortreich beklagte, einer „Pogromhetze“ ausgesetzt sah.

Negt störte an der RAF in diesen Tagen vor allem, daß sie sich von den deutschen Proletariern allzu fern hielt. Daß ihre Anschläge „keine Perspektive des Befreiungskampfes des Arbeiters“ böten, „vielmehr das Problem einer entleerten intelektuellen Lebensweise, die nach sinnvollen Inhalten sucht, die aber gerade dadurch nichts findet, da in ihr absolut nichts von dem enthalten ist, was die spezifische Lebens- und Erfahrungsweise des Proletariers ausmacht“ boste den Hannoveraner Professor besonders. Und auf Lenins und Maos „unerbittlichen Kampf gegen individuellen Terrorismus“ verweisend forderte der Soziologe die bundesdeutsche Linke zur konsequenten Entsolidarisierung von der RAF um dann, von der Last der „Mechanik der Solidarisierung“ befreit, endlich vorwärts zu gelangen: „Jeder politisch ernst zu nehmende Sozialist muß heute begreifen, daß es ohne aktive Unterstützung der Arbeiterklasse keine wirkliche Veränderung in diesem Lande gibt.“ Die Frage, ob man es nicht auch ohne die wirklichen Veränderungen, die mit aktiver Unterstützung der deutschen Arbeiterklasse zu erreichen waren, ganz gut ausgehalten hätte, stellt sich Negt, der heute nicht mehr Argumente bei Mao sucht, sondern selbst dem Gerhard Schröder intelektuelle Hilfestellung gibt, verständlicherweise nicht.

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