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Oliver Tolmein

"Der Haß kann auch die Maske des Mitleids annehmen“

Der deutsche Psychiater Alfred Hoche und die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens

DLF, kulturelles Feature, Sendung 29. November 2002, 19:15 Uhr
Wenn es heute um "Euthanasie" geht, dann wird ein Zusammenhang mit der Ermordung behinderter Menschen im nationalsozialistischen Deutschland strikt geleugnet. Dass die "Vernichtung lebensunwerten Lebens" eine Vorgeschichte hat, darüber ist wenig Exaktes bekannt. Der Freiburger Ordinarius für Psychiatrie Alfred Erich Hoche gehörte zusammen mit dem Juristen Karl Binding kurz nach dem Ersten Weltkrieg zu den entschiedensten Verfechtern der Tötung aus Mitleid. Hoche, der glaubte, der Tod wäre auch für schwer geistig Behinderte und psychisch Kranke eine Wohltat. Der "Euthanasie" im Dritten Reich stand er, mittlerweile emeritiert, ablehnend gegenüber, hatte aber auch nicht den Mut oder die Energie, seine Anfang der 20er Jahre entwickelten Thesen und Forderungen zu widerrufen.

Zitator Hoche: "Es war ein großer Abschnitt in der Entwicklung der Menschheit - einschneidender als der Moment, da Kopernikus die Sonne stillstehen hieß - als zuerst ein denkendes Wesen dazu kam, nicht mehr alles Leid hinnehmen zu wollen, sondern ihm mit eigener Hand ein Ziel zu setzen. Mag seine Wohnung in kalten Fellöchern oder im feuchten Dschungel gewesen sein, es war kein kleiner Geist, dessen Bewusstsein, einen solchen Grad erreichte, dass er imstande war, Bilanz zu ziehen und aus einem ausweglosen Zustand in plötzlich auftauchender Erkenntnis einen neuen Ausweg zu finden."

Sprecherin 1 (Quellen): Alfred Hoche, Freiwillig Scheidende

Zitator Hoche: Des Streitens über Musik ist kein Ende, aber es ist zwecklos, denn eine Verständigung ist nur zwischen Leuten gleicher Geistesstruktur möglich. Gleichmäßige Schätzung Bachscher Fugen und der Melodienfülle Schuberts ist nur dann denkbar, wenn beide dem Hörer gleich wenig bedeuten. Man stelle sich Schuberts Lebenswerk vor, wenn er Haydns Alter erreicht hätte; es ist ein Jammer, um den mit ihm durch den blöden Zufall einer Krankheit ausgelöschten Schatz ungeborener, unsterblicher, neuer Kombinationen von Tönen.

Sprecherin 1: Alfred Hoche, Bildungsquellen

Zitator Hoche: Zum Ausbau meiner Versuche ließ ich mir bei Hinrichtungen die gern gewährte Genehmigung der Staatsanwälte geben, vermöge deren es mir gelang, die Leichen schon 120 Sekunden nach dem Fallen des Beiles auf meinen Tisch zu bekommen. Die Mehrzahl der Hinzurichtenden leistete keinen Widerstand.

Sprecherin 1: Alfred Hoche, Im Schatten der Guillotine

Zitator Hoche: Kritiker, die im glücklichen Besitz absoluter Maßstäbe sind, haben mir einen Satz als frivol angekreidet, dass vom Standpunkt des subjektiven Leidens aus gesehen, Zahnarzt schlimmer sei, als Guillotine. Wenn es darauf ankommt in wissenschaftlichen Arbeiten den die Wahrheit zu sagen, so besteht diese Feststellung völlig zu Recht. Der Tod durch das Fallbeil ist völlig schmerzlos.; der Delinquent empfindet nicht einmal mehr den Schlag des Beiles, weil sein Bewusstsein durch das rapide Sinken des Blutdrucks im Gehirn infolge der Durchtrennung der Halsgefäße entschwunden ist.

Sprecherin 1: Alfred Hoche, Vom Sterben.

Zitator Hoche: Wagner hat mich mein ganzes Leben hindurch begleitet, angezogen, abgestoßen und immer wieder angezogen. Alle Vorbehalte, die man bei Wagner machen muss, gelten nicht für die Musik von Tristan und Isolde. Ich habe die Oper mehr als 50mal in den besten Aufführungen gehört und sehe in ihr die größtmögliche Annäherung an den Begriff der absoluten Musik.

Sprecherin 1: Alfred Hoche, Bildungsquellen

Zitator Hoche: Ein Überblick über die Reihe der Ballastexistenzen zeigt, dass die Mehrzahl davon für die Frage einer bewussten Abstoßung, das heißt Beseitigung nicht in Betracht kommt. Wir werden auch in den Zeiten der Not, denen wir entgegengehen, nie aufhören wollen, Defekte und Sieche zu pflegen, so lange sie nicht geistig tot sind. Aber wir werden vielleicht eines Tages zu der Auffassung heranreifen, dass die Beseitigung der Geistig völlig Toten kein Verbrechen, keine unmoralische Handlung, keine gefühlsmäßige Rohheit, sondern einen erlaubten nützlichen Akt darstellt.

Sprecherin 1: Alfred Hoche, Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens - Ihr Maß und ihre Form

Autor: Alfred Erich Hoche, von 1902 bis 1933 Leiter der Psychiatrischen Klinik der Universität Freiburg, war in seiner Zeit einer der wichtigsten deutscher Psychiater. Er hatte auch al Essayist, Lyriker und Romancier einen guten Namen. Die Auseinandersetzung mit Tod und Sterben durchzieht sein Leben - und seine literarischen und psychiatrischen Veröffentlichungen. Aber heute sind es nicht seine wissenschaftlichen Arbeiten, die noch Interesse auf ihn lenken und auch nicht seine Beschäftigung mit der Todesstrafe oder Schülerselbstmorden. Ein knapp zwanzig Seiten langer Beitrag für einen schmalen Band über die Tötung von Patienten durch den Arzt, den er zusammen mit dem damals und heute hoch geachteten Rechtswissenschaftler Karl Binding verfasst hat, hat die Konturen des Bildes von Hoche, das der Nachwelt überliefert ist, verzeichnet. Der Sohn eines Pfarrers gilt als ein Vordenker der nationalsozialistischen Euthanasie-Verbrechen. Warum die 1920 veröffentlichte Schrift über die "Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens" in ihrer Zeit so eine überragende Bedeutung hatte, dass sie noch heute die Perspektive auf Hoche bestimmt, erläutert der junge Freiburger Medizinhistoriker Andreas Funke:

O-Ton 1 (Andreas Funke): Meines Erachtens liegt die besondere Bedeutung dieses Buches darin, dass sich zwei anerkannte Wissenschaftler, der Jurist Karl Binding und der Psychiater Alfred Hoche dieses heiklen Themas annehmen, was zwar vorher oft besprochen wurde, aber meist im Dunstkreis der Rassenhygiene. Mit diesem Buch fand die Debatte den Weg in eine breite Öffentlichkeit.

Autor: Aber welchen Weg war Hoche bis zur Veröffentlichung dieser Schrift gegangen? Und wohin führten seine Überlegungen ihn danach?

Sprecherin 2: Mit 17 Jahren begann Alfred Hoche in Berlin Medizin zu studieren. Glaubt man seiner Autobiografie war es mehr ein Zufall, als dass er mit der Studienwahl einen Plan verfolgt hätte. Wenig später, mittlerweile an der Universität in Heidelberg immatrikuliert, trat Hoche einer Verbindung bei. Sein Wunsch ist es jetzt Gynäkologe zu werden, aber der Tod seines Doktorvaters zwingt ihn sich neu zu orientieren. Mehr durch Zufall wird er mit einer neurologischen Arbeit über die Tuberkulose des Zentralnervensystems promoviert und erhält eine Stelle als Assistent in der Kinderklinik der Universität. Als auch hier sein akademischer Lehrer stirbt wechselt er nach Straßburg, wo er 1890 eine Assistentenstelle in der Psychiatrie erhält und sich schließlich habilitiert.

Zitator Hoche: "Die Psychiatrie war ein spätgeborenes Kind der Medizin und blieb lange Zeit ein Stiefkind, vom Anfang an bis zum Ersticken behindert in ihrer Entwicklung. Mittelalterliche Vorurteile bei Ärzten, Ministern und sonstigen Laien ragten gespenstisch in den lichten tag, der für die übrigen Zweige des ärztlichen Wissens und Tuns angegangen war. Die Irrenanstalten wurden mit Vorliebe abseits erbaut. Man lebte in dem Wahn, durch ländliche Stille und Abgeschiedenheit die seelische Heilung zu befördern. Die Wirkung dieser Isolierung machte sich nicht an den Kranken, wohl aber an den Ärzten bemerkbar. In keinem Zweig der Medizin gab es so viele Eigenbrötler, wie unter den alten Irrenärzten.

Sprecherin 1: Alfred Hoche, Jahresringe

Sprecherin 2: Die Psychiatrie befand sich Anfang des 20. Jahrhunderts in einer Phase des Umbruchs. Bis vor kurzem noch hatten die Wissenschaftler vor allem darüber gestritten, ob die Seele des Menschen als solche überhaupt erkranken könne, oder ob psychische Störungen nicht vielmehr als besonderer Ausdruck körperlicher Krankheiten verstanden werden müssten. Nun mühten sie sich ein Klassifikationssystem für die Krankheiten zu schaffen, das Voraussetzung für eine erfolgreiche Diagnostik und Therapie war. Besondere Bedeutung kam dabei den Arbeiten Emil Kraepelins zu. Kraepelin unterteilt die psychischen Erkrankungen in organische Psychosen mit bekannter Ursache und in psychogene Störungen ohne organische Grundlagen. Außerdem erkannte er noch die Schizophrenie, damals als Dementia Praecox bezeichnet, an und das so genannte manisch-depressive Irresein.

Autor: So innovativ Kraepelins neues Konzept in seiner Zeit war, er wurde auch mit gewichtigen Einwänden konfrontiert. Einer seiner Kritiker war Alfred Hoche gehörte zu ihnen, wie Andreas Funke betont:

O-Ton 2 (Andreas Funke):
Das was von seinen psychiatrischen Lehren auch heute noch Relevanz hat, ist dass er eine Opposition zu Kraepelin, dem damals führenden deutschen Psychiater gebildet hat, der eine Systematik psychischer Erkrankungen entwickelt hat. Hoche war damit nicht einverstanden, weil er fand Kraepelin habe eine trübe Flüssigkeit nur in einen anderen Topf gegossen. Hoche wollte deswegen nicht einzelne Krankheitsnamen haben, sondern er wollte das als Symptomlehre gestalten um daraus Krankheitsbilder abzuleiten . Diese Methode spielt in der neueren Psychiatrie eine wichtige Rolle.

Autor: Hoches Versuch, eine Syndromlehre zu schaffen ist als ein Akt der Selbstbescheidung zu verstehen. Der Freiburger Ordinarius argumentiert in seinen Arbeiten, die zwischen 1902 und 1913 erscheinen, immer wieder skeptisch und vermutet:

Zitator Hoche: "....dass auch eine unendlich weit fortgeschrittene Mikrochemie eine Zurückbeziehung greifbarer, sichtbarer Veränderungen auf bestimmte psychische Erscheinungen nicht zu leisten vermöchte. Das Psychische stellt ebenen eine vollkommen neue Kategorie dar, die in sich geschlossen ist, ihren eigenen Gesetzen gehorcht, den materiellen Vorgängen gegenüber aber inkommensurabel ist."

Sprecherin 1: Alfred Hoche, Die Bedeutung der Symptomenkomplexe in der Psychiatrie

Autor: Der Psychiater und Wissenschaftshistoriker Gustav Schimmelpenning hat in einem Vortrag über Alfred Hoches wissenschaftliches Werk dessen Ansichten auf den Punkt gebracht:

Sprecher 3: "Der Mensch als Ganzes ist nicht naturwissenschaftlich erklärbar. Wer diese Einsicht einmal vollzogen hat, dem bleibt bei der Einteilung und Benennung der endogenen Psychosen nichts anderes übrig, als sich, um mit Hoche zu reden, in 'resignierter Bescheidung' um praktikable Lösungen zu bemühen, statt Antworten auf eine Frage zu suchen, die nicht zu beantworten ist, nämlich die nach dem Zusammenhang von Leib und Seele."

Autor: Die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg brachten die Psychiatrie aber nicht nur wissenschaftlich voran. Psychiatrie wurde auch politisch zu einem Thema von wachsender Bedeutung. Ende des 19. , Anfang des 20. Jahrhunderts wurden immer mehr Menschen als "Irre" diagnostiziert. Für sie werden in diesen Jahren immer mehr und immer größere Anstalten gebaut., deren Ziel es vor allem ist, die Welt des Bürgertums vor den aus der Bahn Geratenen zu schützen. Die Stimmung, die sich gegen die "Irren" entwickelt ist von Aggressivität und Abwehr geprägt.

Sprecherin 2: In einer Festansprache anlässlich der Einweihung einer großen Anstalt im Rheinland wird den anwesenden Honoratioren 1912 das Konzept des Neubaus so erläutert:

Sprecher 3: Die Auflösung in Einzelbauten, deren geschickte Gruppierung, und die Ausnutzung des dazwischen liegenden Waldes haben es denn auch vor allem vermocht, den bei großen Irrenanstalten und bei den äußerlich so vielfach unangenehmen Formen einzelner Kranker so leicht eintretenden abstoßenden Eindruck eines großen geistigen Massengrabes, einer Anhäufung von menschlichem Elend, zu vermindern. Immer wieder sieht der Kranke sowohl wie der Besucher neben und zwischen dem manchmal unschönen Anblick der Kranken ein schönes Landschaftsbild, einen Garten, ein Blumenbeet, eine blumengeschmückte Veranda, ein hübsches Gebäude oder auf ein in der Ferne liegendes großes Bauwerk."

Autor: In der Rede scheinen schon die Motive auf, die in den nächsten Jahrzehnten die Diskussion um die Pflege und Behandlung psychiatrischer Patienten aber auch anderer Behinderter in Deutschland prägen werden. Vor allem dem Vergleich des Anblicks, den die Bewohner der Anstalten bieten, mit dem Anblick der Natur, signalisiert, dass hier Menschen nicht mehr als Menschen wahrgenommen werden. Sie erscheinen als Störfaktor, den es unsichtbar zu machen gilt.

Sprecherin 1: Auch Hoche setzt nach seiner Berufung an die Universitätsklinik Freiburg durch, dass die psychiatrische Klinik, die er leitet, erweitert wird. Der Protest in der Bevölkerung gegen den Erweiterungsbau ist groß. Schließlich beschäftigen sich die Gerichte und der badische Landtag mit der Frage ob die Klinik nicht, zumindest teilweise verlagert werden soll. Hoche setzt sich schließlich gegen die Proteste durch. Als er mit 41 Jahren Prorektor der Universität wird nutzt er seine Antrittsrede um das Verhältnis der Gesellschaft zu Geisteskrankheit öffentlich zu behandeln:

Autor: Die später unter dem Titel "Geisteskrankheit und Kultur" veröffentlichte Rede ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Hoche beschäftigt sich in dem Vortrag mit den Positionen der an Zulauf gewinnenden Eugeniker. Er macht dabei deutlich, dass er die Behauptung, die moderne Kultur bewirke eine zunehmende "nervöse Entartung" für wenig überzeugend hält. Den schnellen Anstieg der Zahl psychiatrischer Patienten, die stationär behandelt werden müssen, führt er auf andere Ursache zurück. Der soziale Wandel in den Großstädten führe dazu, dass die häusliche Pflege der Erkrankten immer schwerer werde, im ländlichen Gebiet wachse die Belastung der Familien ebenfalls. Hoche zufolge hat die Entwicklung aber auch ein positives Element:

Zitator Hoche: Wesentlicher aber als alle diese mehr äußerlichen Momente ist doch wohl eine sich langsam entwickelnde Änderung in der Auffassung der Irrenanstalten bei der gro0en Masse. Der mühselige Entwicklungsgang bis zu der Auffassung, dass es Heilanstalten sind , wie andere auch, ist zwar noch lange nicht vollendet: aber es wird doch unverkennbar besser.

Sprecherin : Alfred Hoche, Geisteskrankheit und Kultur

Autor: Allerdings führt Hoche auch die schädlichen Auswirkungen der gerade erst eingeführten Sozialversicherung an, die den Ehrgeiz der Kranken, sich behandeln zu lassen minderte, weil sie ohnedies eine Rente erhielten. Und Attacken gegen "die üblen Einflüsse moderne Kultur" zählen zum grundlegenden Repertoire seiner zahlreichen Auftritte als Redner auf wissenschaftlichen Konferenzen und bei populärwissenschaftlichen Veranstaltungen. Dennoch: bleibt Hoche trotz der gegenwärtig begrenzten Möglichkeiten psychiatrische Erkenntnis se zu gewinnen, optimistisch und hält, wie viele seines Faches, das Irre-Sein langfristig für behandelbar. Das könnte, so seine Hoffnung, auf lange Sicht auch die gesellschaftliche Situation entschärfen, weil die Patienten, wenn dereinst Heilungschancen bestehen, nicht lebenslang in den Anstalten verbleiben müssten.

Sprecherin 1: Kurz- und Mittelfristig allerdings scheint die Lage kritisch zu sein. Die Kosten der Behandlung und Verwahrung werden längst offen und mit Blick auf Sparmaßnahmen diskutiert. Auf der Jahresversammlung des Deutschen Vereins für Psychiatrie, 1912 in Kiel stellt Alfred Hoche seine Syndromlehre umfassend vor. Auf dieser Tagung wird auch in einem Antrag für ein neues psychiatrisches Forschungsinstitut das Zusammenspiel von ökonomischer Orientierung und Forschungspolitik deutlich.

Autor: Für den Münchner Literaturwissenschaftler Walter Müller-Seidel, der sich eingehend mit Alfred Hoche auseinandergesetzt hat, ist diese Tagung schon eine Vorgeschichte zur Veröffentlichung des Buches "Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens" acht Jahre später.

O-Ton 3 Walter Müller-Seidel:
Es gibt schon eine Vorgeschichte. Hoche hält 1912 in Kiel einen berühmten Vortrag über seine Syndromlehre und hinterher streitet man sich über Nutzen und Kosten in der Psychiatrie auf eine fatale Weise und da hat er teilgenommen und das ist nicht alles gegen seinen Sinn gewesen.

Autor: Das Kostenargument wendet sich auf dieser Tagung in Kiel allerdings noch nicht zielgerichtet gegen das Leben der Kranken als Kostenverursacher; noch wird es in erster Linie vorgebracht, um so den Bedarf der Wissenschaftler an Forschungsgeldern zu unterstreichen.

Sprecherin 1: So lautet der Antrag:

Sprecher 3: Die vielen Tausenden von Kranken, die dem Staat zur Last fallen, die großen Kosten, welche die Allgemeinheit für die Geisteskranken und die Anstalten aufbringen muss, schreien nach solcher Forschung. Die Frommen im Land werden wieder zetern über die materialistischen Ärzte. Aber wir sind nicht materialistisch. Wir halten es mit Goethe: Das Erforschliche zu erforschen und das Unerforschliche zu verehren.

Autor: Im Sommer 1914 beginnt der Erste Weltkrieg. Für viele Historiker ist er ein Schlüssel zum späteren Aufschwung der Diskussionen um Euthanasie und die Tötung so genannten "lebensunwerten Lebens". Der Krieg, dem Millionen Menschen zum Opfer fielen hat die Tötungshemmung grundsätzlich verringert. Das Elend Schwerstverwundeter, die auf dem Schlachtfeld nicht mehr behandelt werden konnten, hat den Vorrang des Lebensrechts in erheblichem Maße in Frage gestellt. Aber auch dass viele junge Männer, die zur Elite des Landes gehörten starben, während Anstaltspatienten den Krieg unbeschadet überleben konnten, wurde in vielen Debatten im Umfeld der sich entwickelnden Kontroverse um Euthanasie angeführt.

Sprecherin 1: Alfred Hoche verliert schon in den erste Monaten des Krieges seinen einzigen Sohn, der sich wie viele als Freiwilliger gemeldet hatte. Wenig später, am 16. Dezember 1914 hält er einen Vortrag an der Universität Freiburg :

Zitator Hoche: Es ist kein Zweifel. Spätere Geschlechter werden einmal mit Neid auf unsere Generation blicken, auf uns, die wir tätig an den großen Ereignissen dieser Zeit teilgenommen haben. Jetzt macht Deutschland im größten Stil die Probe auf das Exempel. Es erscheint für den Psychiater eine reizvolle Aufgabe den Wirkungen des großen Krieges auf as Seelenleben des einzelnen, wie des Volkes im ganzen nachzugehen.

Sprecherin 1: Hoche konstatiert neben einer in seinen Augen erstaunlich hohen Zahl von Menschen mit "Mobilmachungspsychose", dass sich die Durchschnittsgesundheit gebessert habe, weil angesichts der großen Zeit der nationalen Einheit individuelle Sorgen weniger wichtig erschienen. Auch die Zahl der Selbstmorde geht in seinen Augen zurück, weil Selbstmord jetzt eine Fahnenflucht darstelle.

Autor: Hoche steht mit seinem nationalen Pathos nicht alleine. Viele seiner Kollegen befinden sich im patriotischen Überschwang und stellen ihr ärztliches Können in den Dienst des von ihnen als gerecht empfunden Krieges. Der Psychiatrie-Historiker Hans Ludwig Siemen hat sich mit den paradoxen anmutenden Auswirkungen des Krieges auf die Therapie auseinandergesetzt:

Sprecherin 3: Die Kriegsneurotikertherapie beeinflusste die gesamte Psychiatrie. Der psychogene Faktor, die Beeinflussbarkeit von gewissen psychischen Störungen erwies sich in der Praxis. Der therapeutische Nihilismus der Vorkriegszeit, der die katastrophalen Verhältnisse in den Anstalten widerspiegelte, erfuhr während des Ersten Weltkriegs wichtige Einschränkungen. Erstmals gelang es der Psychiatrie durch individualisierende Handlungsweisen eine relativ große Zahl von Menschen erfolgreich zu behandeln. Diese Therapie wurde möglich, ohne dass die allesverheissende organische Grundlage dieser Störung gefunden worden wäre.

Autor: Den Kriegsgeschädigten, die sich nicht therapieren ließen, drohte der Tod: Nicht bewusst durch die Hand der Psychiater, sondern aufgrund von Mangelernährung und unzureichender medizinischer Versorgung, die nach mehreren Kriegsjahren die Anstalten besonders hart trafen. Die Sterblichkeitsraten waren doppelt, teilweise sogar fünfach so hoch wie in den letzten Friedensjahren.

Sprecherin 1: Der Direktor einer preußischen psychiatrischen Anstalt alarmierte im Juni 1917 das Kriegsversorgungsamt:

Sprecherin 3: Abgesehen davon, dass bei der mangelhaften Verpflegung und der durch sie bedingten geschwächten Körperkonstitution Patienten, die an Lungenaffektionen erkranken, leichter ihrer Krankheit und Paralytiker rascher den organischen Hirnleiden erliegen, macht sich infolge der dürftigen Ernährungsverhältnisse ein stärkeres Aufflackern der Lungentuberkulose bemerkbar. Weiter treten bei älteren Pfleglingen und namentlich bei geistig stumpfen Anstaltsinsassen oft die Erscheinungen des so genannten Kriegsoedems auf. Die Kranken zeigen fahle Gesichtsfarbe bei leicht gedunsenem Aussehen.

Autor: Alfred Hoche hält am 6. November 1918, kurz vor dem Waffenstillstand also, noch einen Kriegsvortrag, der sich mit dem Sterben beschäftigt. Bemerkenswert an diesem Vortrag ist, dass Hoche über die Situation in den Anstalten schweigt. Er räsoniert in der Rede über den Selbstmord, reflektiert die Situation während alliierter Fliegerangriffe auf Freiburg und sucht aus der, wie er es formuliert, Sterbensbereitschaft der Millionen draußen Erkenntnisse über das Verhältnis der Menschen zum Ende ihres Lebens zu ziehen. Charakteristisch für den Text ist die Ungerührtheit, mit der Hoche hier in den letzten Kriegswochen versucht, den Tod als medizinisches Phänomen vorzuführen und gleichzeitig das individuelle Schicksal durch den Bezug aufs Große Ganze unbedeutend erscheinen zu lassen.

Zitator Hoche: Eines predigt mit höchster Eindringlichkeit das Sterben unserer Söhne draußen, dass es nicht auf die Lebensdauer, sondern auf den Lebensinhalt ankommt. Wir wissen oder wir könnten wenigstens wissen, dass am einzelnen, an dir, an mir gar nichts liegt. Wir sind Glieder einer langen Kette, die von einem Dunkel in das andere Dunkel reicht.

Autor: Der Vortrag ist aber noch aus einem anderen Grund bemerkenswert. Hoche, der sich in dem Vortrag bemüht, dem Lebensende seinen Schrecken zu nehmen, kommt auch auf die Aufgabe des Arztes beim Sterben zu sprechen.

Zitator Hoche: Es ist heute noch ein Gebot der ärztlichen Ethik, dass dieser Akt der Erleichterung des Sterbens keine Verkürzung des Lebens bedeuten darf. Die Zumutung, dieses letztere zu tun, tritt von Seiten der Angehörigen nicht so selten an den Arzt heran. Daß gerade der Arzt in Versuchung kommen kann, geliebten eignen Angehörigen, die er leiden sieht, die ihnen noch beschiedene Lebensspanne zu verkürzen ist selbstverständlich.

Autor: Hoche lässt zu diesem Zeitpunkt keinen Zweifel daran, dass er Sterbehilfe zwar nicht moralisch verurteilt, aber auch keinesfalls bereit wäre, sie zu praktizieren. Er sieht sie als Verstoß gegen ethische Standesregeln.

Sprecherin 2: Keine zwei Jahre später veröffentlicht er zusammen mit dem Rechtswissenschaftler Professor Karl Binding die Schrift: "Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form".

Autor: In dieser schmalen Schrift erscheint das dem Arzt durch den Eid des Hippokrates auferlegte Gebot Leben zu erhalten und nicht zu töten nur noch als Belastung. "Wohltat wird zur Plage" formuliert es Hoche selbst. Wieso er den Weg vom Bekenntnis zum Hippokratischen Eid am Ende des 1. Weltkrieges zum Protagonisten der aktiven Sterbehilfe durch den Arzt gegangen ist, kann auf der Basis der gegenwärtig bekannten Quellen niemand zuverlässig sagen. Walter Müller-Seidel hat immerhin eine Hypothese:

O-Ton 4 (Müller Seidel):
Die Idee und die Konzeption ist lange vorbereitet bei Karl Binding, damals noch Professor in Leipzig, der ist mit dem Thema Tod auf Verlangen und Euthanasie von Haus aus beschäftigt gewesen und Hoche ist dazugekommen und mit einer großen Vorliebe für Jurisprudenz ist es für ihn wohl eine große Ehre gewesen gemeinsam mit dem großen Binding aufzutreten. Ich würde sagen, das ist auf Binding zurückzuführen.

Autor: Für die These, dass Hoche der Dazugestossene ist und Karl Binding der Initiator des Projekts spricht auch der Charakter der jeweiligen Beiträge. Binding setzt sich in seinem Aufsatz grundlegend mit strafrechtsdogmatischen Fragestellungen und der rechtsgeschichtlichen Entwicklung des Tötungsverbots auseinander. ZumAbschluß stellt er einen konkreten Verfahrensvorschlag vor, wie eine Legalisierung der Euthanasie in die Praxis umgesetzt werden könnte. Hoches weitaus knappere "Ärztliche Bemerkung" bleiben dagegen recht allgemein auf Probleme des ärztlichen Gewissens bezogen um dann allerdings mit einer noch schärfer als bei Binding formulierten Absage an das Lebensrecht der so genannten Geistig Toten zu enden.

Sprecherin 2: Die Leitfrage sowohl des Kapitels von Binding als auch des Abschnitts von Hoche ist:

Hoche Zitator: Gibt es Menschenleben, die so stark die Eigenschaft des Rechtsgutes eingebüßt haben, dass ihre Fortdauer für die Lebensträger, wie für die Gesellschaft dauernd allen Wert verloren hat?

Sprecherin 2: Die Verknüpfung von individueller Perspektive mit dem Blick aufs Ganze, die Akzentuierung des Elends des Individuums einerseits und andererseits die Betonung der Bedürfnisse der Gemeinschaft, ist ein wesentliches Element der schmalen, aber folgenreichen Schrift. Auf die eigene Frage nach dem Wertverlust menschlichen Lebens gibt Binding in seinen einleitenden Erwägungen auch eine diese Ambivalenz aufgreifende Antwort: Sprecher 3: Dass es lebende Menschen gibt, deren Tod für sie eine Erlösung und zugleich für die Gesellschaft und den Staat eine Befreiung von einer Last ist, deren Tragung außer dem einen, ein Vorbild größerer Selbstlosigkeit zu sein, nicht den kleinsten Nutzen stiftet, lässt sich in keiner Weise bezweifeln.

Autor: Auch die Verbindung von ökonomischen Argumenten mit einer Rhetorik des Mitleids ist charakteristisch für die Ausführungen von Binding und Hoche. Ebenso ihr über weite Strecken suggestiver Ton.

Sprecher 3: Denkt man sich gleichzeitig ein Schlachtfeld bedeckt mit toter Jugend, oder ein Bergwerk, worin schlagende Wetter Hunderte fleißige Arbeiter verschüttet haben, und stellt man in Gedanken unsere Idioteninstitute mit ihrer Sorgfalt für ihre lebenden Insassen daneben - und man ist auf das tiefste erschüttert von diesem grellen Missklang zwischen der Opferung des teuersten Gutes der Menschheit im größten Maßstab auf der einen und der größten Pflege nicht nur absolut wertloser, sondern negativ zu bewertender Existenzen auf der anderen Seite.

Autor: Binding argumentiert in seinem Aufsatz gegen jede Tötung, bei der ein Wille des zu Tötenden gebrochen werden müsste. Auch die kränkesten und nutzlosesten Menschen sollen ein Recht auf Achtung ihres Lebenswillens haben. Allerdings liegt für Binding auf der Hand, dass die Menschen aus der, wie er schreibt, Gruppe der unheilbaren Blödsinnigen, keinen Lebenswillen haben können. Zwar empfinden sie ihr Leben, so argumentiert er, auch nicht als unerträglich, dennoch soll ihre Tötung aber erlaubt sein:

Sprecher 3: Ihr Tod reißt nicht die geringste Lücke, außer vielleicht im Gefühl der Mutter oder der treuen Pflegerin. Da sie großer Pflege bedürfen, geben sie Anlaß, dass ein Menschenberuf entsteht, der darin aufgeht absolut lebensunwertes Leben für Jahre und Jahrzehnte fristen zu lassen.

Autor: Die Entscheidung über die Freigabe der Tötung soll Binding zufolge ein mehrköpfiges Gremium auf Antrag treffen. Wer die Tötung dann vollstrecken darf möchte Binding nicht eindeutig festlegen. Ein hellsichtige Bemerkung, die er nebenbei macht, lässt immerhin aufhorchen:

Sprecher 3: Die Angehörigen werden vielfach, aber keineswegs immer dazu gehören. Der Hass kann auch die Maske des Mitleids annehmen - und Kain erschlug seinen Bruder Abel.

Sprecherin: Während Binding in nüchternem aber klar verständlichen Deutsch schreibt, das sich bemüht wertneutral zu klingen hat Hoche seine ärztlichen Bemerkungen mit dem Ziel zugespitzt, die Belastung der Nation durch die, wie er schreibt, Ballastexistenzen und Menschenhülsen, in vollem Ausmaß begreifbar zu machen. Er räsoniert vor allem über das Schicksal der so genannten Geistig Toten, einen Begriff, den er nie nur vage umrissen hat, der aber dennoch gerade hier ganz wichtig brauchbar erscheint

Zitator Hoche: In Bezug auf den inneren Zustand würde zum Begriff des geistigen Todes gehören, dass nach der Art der Hirnbeschaffenheit klare Vorstellungen, Gefühle oder Willensregungen nicht entstehen können., dass keine Möglichkeit der Erweckung eines Weltbilds im Bewusstsein besteht und das keine Gefühlsbeziehungen zur Umwelt von den geistigen Toten ausgehen können. Das Wesentliche ist aber das Fehlen der Möglichkeit, sich der eigenen Persönlichkeit bewusst zu werden.

Autor: Das Leben der als geistig tot bezeichneten Geistigbehinderten oder psychisch Kranken ist nach Auffassung von Hoche wertlos. In seinem Verständnis hat es damit auch die Qualität eines Rechtsgutes eingebüßt. Wird so ein Leben beendet, geschieht damit, so Hoches Argumentation, nichts unrechtes. Auch das Mitleid, bei Binding noch ein wichtiges Motiv für die Freigabe der Tötung, ist für Hoche nicht wichtig: Mitleid setzt, so schreibt er, die Fähigkeit zu Leiden voraus - diese hätten die Geistig Toten aber nicht.

Sprecherin 2: Aber auch Hoche will nicht, dass Menschen gegen ihren offen geäußerten Willen von Ärzten getötet werden. Immerhin nehmen bei ihm ökonomische Überlegungen viel Platz ein - und auch die Möglichkeit der Zwangssterilisation als einem wichtigen Schritt in der Bevölkerungspolitik wird bei ihm thematisiert.

Zitator Hoche: Die Frage, ob der für Ballastexistenz notwendige Aufwand gerechtfertigt sei, war in den verflossenen Zeiten des Wohlstandes nicht dringend. Jetzt ist sie es aber geworden, und wir müssen uns ernstlich mit ihr beschäftigen. Unsere Lage ist wie die der Teilnehmer an einer schwierigen Expedition, bei welcher die größtmögliche Leistungsfähigkeit Aller die unerlässliche Voraussetzung für das Gelingen der Unternehmung bedeutet., und bei der kein Platz ist für halbe, Viertels- und Achtels-Kräfte. Unsere deutsche Aufgabe wird für lange Zeit sein: eine bis zum höchsten gesteigerte Zusammenfassung aller Möglichkeiten. Der Erfüllung dieser Aufgabe steht das moderne Bestreben entgegen, möglichst auch die Schwächlinge aller Sorte zu erhalten, alle Pflege und Schutz angedeihen zu lassen - Bemühungen, die durch ihre besondere Tragweite erfahren, dass es bisher auch nicht im ernste versucht worden ist, diese von der Fortpflanzung auszuschließen.

Sprecherin 1: Alfred Hoche, Zur Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens.

Autor: Mit der Veröffentlichung ihrer Streitschrift für die Freigabe der Euthanasie schlagen der 1920 gestorbene Karl Binding und Alfred Hoche kein neues Kapitel in der Euthanasie-Diskussion auf. Sie treiben die Debatte aber voran. Dabei waren es nicht so sehr die Rezensionen und Stellungnahmen in der medizinischen und juristischen Fachpresse, die der "Freigabe der Vernichtung lebenunswerten Lebens" besonderes Gewicht verlieh. Walter Müller-Seidel beurteilt die Auswirkungen der Schrift so:

O-Ton 5 (Müller-Seidel):
Die Wirkung ist verheerend auch wenn die offizielle Psychiatrie sich dagegen gestellt hat. Im Untergründigen der Anstaltspsychiatrie hat sie großen Anklang gefunden , die Nationalsozialisten haben sie gehörig instrumentalisiert. Die Kommission für Kindereuthanasie beruft sich wiederholt auf diese Schriften.

Autor: Auch ansonsten hat das Buch von Karl Binding und Alfred Hoche Auswirkungen auf die nationalsozialistische Vernichtungspolitik.. Das Expeditionsmotiv, das Hoche in seinen "Ärztlichen Anmerkungen" verwendet um zu illustrieren, dass die Lebenserhaltung der Schwachen eine unzumutbare Last ist, wird in der 2. Drehbuchfassung des NS-Propagandafilmes "Ich klage an" ausführlich zitiert. Auf den Vorschlägen Karl Bindings basiert das Gesetz über die Sterbehilfe bei unheilbar Kranken, das von der Vierten Gruppe der Strafrechtskommission 1939 diskutiert und beschlossen wird, das allerdings von politischen Gremien nie in Kraft gesetzt wurde, weil selbst die Nationalsozialisten offenen Widerstand gegen ihre Euthanasiepolitik befürchteten. Umstritten ist dagegen, wie die Haltung von Alfred Hoche zur nationalsozialistischen Euthanasie war und wie sie zu bewerten ist.

Sprecherin 2: Hoche, der mit einer Jüdin verheiratet war und der sich trotz seiner republikfeindlichen deutschnationalen Haltung nie antisemitisch geäußert hat, bat im Juni 1933 um seine Entlassung als Professor und widmete sich fortan nur noch dem Schreiben literarischer und essayistischer Texte. Sicher spielte für diesen Schritt das Alter des 1865 geborenen Wissenschaftlers eine Rolle. Genauso wichtig war aber sicher seine Ablehnung des NS-Regimes. Der Dankesbrief des mittlerweile zum Rektor der Freiburger Universität aufgestiegenen Philosophen Martin Heidegger an Hoche blieb förmlich und kühl.

Autor: Walter Müller Seidel vermutet, dass Hoche schon bald nach der Machtergreifung der Nationalozialisten zu den Positionen, die er in seiner Euthanasie-Schrift vertreten hat, auf Distanz gegangen ist:

O-Ton 6 Müller Seidel:
Frage (Tolmein) Woraus nehmen Sie das? (Müller Seidel:)Ich nehmen das aus seinen belletristischen Schriften vor allem aus seinem besten Werk, dem "Tagebuch eines Gefangenen". Das Tagebuch ist in der Fiktion eines Gefangenen des Ersten Weltkriegs niedergeschrieben und in diesem Tagebuch nimmt er viele Position zurück, die er auch hinsichtlich seiner sehr dezidierten Haltung zur Todesstrafe eingenommen hatte. Das Buch ist nach meinem Dafürhalten eine Art Widerruf.

Autor: Der Freiburger Medizinhistoriker Andreas Funke ist skeptisch. Er meint, dass Hoch erst sehr viel später gesehen hat, welche fatale Entwicklung seine Ideen genommen haben.

O-Ton Andreas Funke:
Ich glaube dass sich Hoche erst 1939/40 davon distanziert, als die Euthanasie der Nazis losging. In den "Jahresringen" hat er noch dazu gestanden und auch in einem Lehrbuch der Psychiatrie tut er das. Er sagt: Die Zeit einer neuen Moral wird kommen, wo die Moral umgesetzt werden kann und wo dieser Gedanke keinen Widerspruch mehr erregen wird. Und aus den "Jahresringen" geht hervor, dass er das den Nationalsozialisten sogar zutraut, dass sie Träger einer neuen Moral sein könnten., 1939 scheint er umzuschwenken. Das bezeugt einmal ein Brief, den er an seinen Amtsnachfolger in Freiburg, Kurt Beringer geschrieben hat, wo er sagt: Es sollte doch das Thema für eine Doktorarbeit sein, welche großen Köpfe des deutschen Geisteslebens den NS zum Opfer gefallen wären, weil sie psychisch krank waren, z.B. Beethoven.

Sprecherin 2: In einem Verfahren wegen der Euthanasie-Morde vor dem Landgericht Freiburg erinnert sich der Direktor der Heil- und Pflegeanstalten Emmendingen, Dr. Viktor Mathes, wie er dem 1933 nach Baden-Baden umgezogenen Alfred Hoche noch einmal begegnet ist

Sprecher 3: 1940 während die Transporte liefen, habe ich zufällig in der Straßenbahn in Baden-Baden den mir von früher her gut bekannten Professor Hoche getroffen. Dieser erzählte mir, er habe kürzlich die Asche einer Verwandten zugeschickt bekommen Auf meine erstaunte Frage hat er in einer mir verständlichen Weise durchblicken lassen, dass diese Verwandte der Euthanasie unterzogen wurde. Professor Hoche hat auch unmissverständlich zum Ausdruck gebracht, dass er die damaligen Maßnahmen aufs schärfste missbilligte. Er erkundigte sich noch, wie ich mich in meiner Anstalt dagegen wehre. Ich erklärte ihm, dass ich nach bestem Können Sabotage betreibe. Professor Hoche hat dies gebilligt.

Autor: Einen öffentlichen Widerruf seiner Positionen hat Hoche, der am 16. Mai 1943, nachdem er eine Überdosis Schlaf- oder Betäubungsmittel genommen hatte, stirbt allerdings nie formuliert. Auch in seinem Nachlaß findet sich kein schriftliches Dokument, das ausdrücklich gegen die Ermordung behinderter Menschen im Nationalsozialismus Stellung bezieht. Klaus Dörner, Psychiater und Historiker, der sich intensiv mit Patiententötungen und Euthanasie beschäftigt hat, findet Hoches Positionswandel angesichts der Morde im 3. Reich nicht erstaunlich:

O-Ton 8 Dörner:
Die Schrift von Binding/Hoche war ein Programm wohlmeinender philanthropischer Männer, die die Gesellschaft fördern wollten und das am Reißbrett entworfen hatten. Als sie sahen, wie das umgesetzt war, teilweise auch von bumanitärer Intention getragen, haben sie aber ganz schnell gesehen: In Wirklichkeit gerät das aus dem Ruder und zwar unvermeidlich, ich kann's nicht steuern.

Autor: Wir wissen heute nicht, ob Alfred Hoche erkannt hat, dass es wahrscheinlich gewesen war, dass seine Ideen zur Euthanasie, die er zusammen mit Karl Binding formuliert hatte, in die Euthanasie-Aktionen während des NS-Regimes münden mussten. Wir wissen auch nicht, ob er angesichts der Euthanasie-Aktionen im Dritten Reich von seinen Positionen grundsätzlich abgerückt ist, oder ob er mit seinen Andeutungen und dem Zwischen-den Zeilen-Geschriebenen nur gegen einen Missbrauch angehen wollte. Immerhin zeigt sich in Gerichtsentscheidungen nach der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus, dass Hoches und Bindings Arbeit noch in engem Zusammenhang mit der NS-Euthanasie gesehen wurden.

Sprecherin 2: Das Landgericht Hamburg entschied am 19. April 1949 ein Verfahren gegen 20 Beschuldigte nicht zu eröffnen, obwohl feststand, dass die Ärzte und Pfleger an der Tötung von mindestens 56 Kindern im Kinderkrankenhaus Rothenburgsort beteiligt gewesen waren:

Sprecher 3: Hinzu kommt schließlich, dass beim Reichsausschuss eine Gremium von drei Gutachtern gebildet worden war, dem anerkannte Autoritäten angehörten. Die Schaffung dieses Gutachter-Gremiums entsprach genau den Forderungen, die Binding und Hoche in ihrer im Jahr 1020 erschienen Schrift aufgestellt hatten. Die Strafkammer ist nicht der Meinung, dass die Vernichtung geistig völlig Toter und ‚leerer Menschenhülsen' wie sie Hoche genannt hat, absolut und a priori unmenschlich ist."

Autor: So wird der Psychiater Alfred Hoche noch nach dem Krieg als Kronzeuge zur zumindest teilweisen Legitimierung eines Massenmordes herangezogen, den er so jedenfalls nicht gewollt und abgelehnt hat. Auf Hoches Leben und Wirken wirft das einen langen Schatten.

O-Ton 9 Andreas Funke:
Eine tragische Figur war er auf jeden Fall und als die sieht er sich ja auch selbst. Das Problem ist, dass Hoche heute nur noch über die Freigabe definiert wird. Niemand kennt Hoche heute als einen der führenden Psychiater, sondern alle kennen ihn als den großen Vorbereiter der Euthanasie, auch seine belletristische Arbeit und seine psychiatrische Arbeit gehen dahinter nur unter.

Autor: Angesichts der heute wieder aufgeflammten Diskussion um Euthanasie kommt der Auseinandersetzung mit Bindings und Hoches Werk über die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens aber auf jeden Fall besondere Bedeutung zu. Denn, Euthanasie hat ihre Wurzeln nicht in der NS-Zeit - sie kann heute aber auch nicht mehr diskutiert werden, ohne sich dauern bewusst zu machen, dass es einen recht geraden Weg von den Ursprüngen der Debatte zur Praxis der Massenvernichtung gab. Klaus Dörner schlägt den Bogen in die nicht vergangene Vergangenheit:

O-Ton 10 Klaus Dörner:
Es wird ja gerne gesagt, wenn man heute Menschen findet, die die aktive Sterbehilfe befürworten, dass man dann sagt, unerhört, das haben die Nazis gemacht und die waren Verbrecher, also....das ist ein Kurzschluß, der in dieser Art nicht stimmt, sondern man muß davon ausgehen, dass beide Trends einen gemeinsamen Ursprung haben, der weiter zurückreicht und ein Symptom dessen ist, was man die Moderne nennt. Da hat sich die Mentalität ausgebildet, einerseits die Heilungschancen zu erhöhen und daran zu glauben, was automatisch dazu führt, dass die als Unheilbar etikettierten abgewertet werden.

Autor: Tatsächlich spielen die spezifisch nationalsozialistischen Aspekte der Vernichtung so genannten "lebensunwerten Lebens", die rassehygienischen und eugenischen Motive, in der gegenwärtigen Diskussion keine nennenswerte Rolle. Nicht wenige Beiträge der heutigen Diskussionen zehren aber, ohne das auszusprechen, von der Substanz, die Binding und Hoche mit ihrer Arbeit nach dem 1. Weltkrieg geschaffen haben:

O-Ton 11 Andreas Funke:
Gerade wenn man die Praktische Ethik von Peter Singer betrachtet finden sich da Gedankengänge, die Hoches sehr ähnlich sind. Gerade das, was Hoche meint, wenn er den Geistig Toten die Subjektivität abspricht, macht im Prinzip auch Singer, wenn er Säuglingen als Menschen ohne Subjektivität bezeichnet, die sich ihres Seins nicht bewußt sind. Deswegen handelt es sich, wenn man sie tötet nicht um die Auslöschung eines Individuums. Genau dasselbe sagt Hoche in seinen ärztlichen Ausführungen auch, dass diese Menschen keine Menschen seien, weil sie kein Selbstbewusstsein hätten, keine Eigenart, sondern nur vor sich hin vegetieren ohne eine Interaktion mit der Gesellschaft aufzunehmen. Bei diesem Gedankengang ist es doch sehr auffällig, dass Parallelen zu finden sind zwischen 1920 und der aktuellen Bioethikdebatte.

Autor: Wichtige Positionen, die in der modernen Euthanasie-Debatte vertreten werden, sind also weniger modern als es den Anschein hat. Der Blick zurück auf die Arbeit von Karl Binding und Alfred Hoche zeigt auch, dass der Ruf nach Behandlungsabbruch und Patiententötung seinen Ursprung nicht zuallererst in den Entwicklungen einer hochentwickelten Intensivmedizin hat. Die Forderung nach Freigabe der Tötung ist untrennbar verknüpft mit einem abschätzigen Blick auf Leben, das aus der Sicht Außenstehender als nicht "lebenswert" erscheint. Auch wenn die Rede von "Ballastexistenzen", wie Alfred Hoches Geschichte zeigt, nicht gleichbedeutend mit nationalsozialistischen Vorstellungen von Rassenhygiene sind und sich sogar mit einer Ablehnung der als Vernichtungspolitik verträgt, bleibt sie doch Ausdruck eines hierarchisierenden Menschenbildes, das sich mit modernen Vorstellungen von Menschenwürde und Gleichheit aller Menschen nicht verträgt.

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