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Oliver Tolmein

Geschlechterfahnder und Gerüchte

Sarah Gronert will sich nicht mit Boris Becker messen: Unter Sportlern hält man das Geschlecht immer noch für eine Naturkonstante

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25.08.2008 Seite 40
Bei der Olympiade in Beijing hat das umstrittene Gender Verification Lab seine Arbeit unauffällig beendet. Im Fall der jungen deutschen Tennisspielerin Sarah Gronert zeigt sich aber, dass intersexuelle Sportlerinnen immer noch diskriminiert werden.

Die Olympischen Spiele sind beendet, das mit einigem Aufwand an der Universitätsklinik Peking eingerichtete erste „Gender Verification Lab“hat seine Arbeit still und ohne Skandale verrichtet. Hier sollten anders als bei den Geschlechtsreihentests, die erst kurz vor den Spielen 2000 in Sydney abgeschafft wurden, gezielt nur „verdächtige Athletinnen“ mit allen Möglichkeiten der modernen Medizin auf ihr tatsächliches Geschlecht hin untersucht werden. Wie viele Menschen so getestet wurden, wurde genauso wenig publik gemacht wie die Kriterien, nach denen die Gynäkologen, Endokrinologen und Humangenetiker feststellen wollten, ob jemand tatsächlich das Geschlecht hat, unter dem sie zu den Wettkämpfen angetreten war. Welchem Zweck sollte die Überprüfung der Geschlechtsidentität eigentlich noch dienen, nachdem bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen das Startverbot für transsexuelle Sportler gefallen war? Auch der letzte spektakuläre Geschlechtstest eines internationalen Wettkampfs, der 2006 bei den Asien-Spielen in Doha dazu führte, dass der Inderin Santhi Soundarajan ihre Silbermedaille für den Achthundertmeterlauf aberkannt wurde, taugt kaum als Präzedenzfall: Die Ergebnisse des Tests sind bis heute umstritten – vermutlich hat die Athletin, die nach ihrer Bloßstellung vor der Weltöffentlichkeit einen Suizidversuch unternahm, ein sogenanntes Androgen-Insensibilitäts-Syndrom: Trotz eines scheinbar männlichen xy-Chromosomensatzes verarbeitet der Körper kein Testosteron und bildet sich daher äußerlich weiblich aus. Bei den Olympischen Spielen in Atlanta 1996 hatte man sechs sogenannten xy-Frauen, die beim Reihentest entdeckt worden waren, die Starterlaubnis erteilt.


Im Windschatten von Olympia hat sich unterdessen im internationalen Tennis gezeigt, wie fragwürdig das Verlangen nach eindeutigen Geschlechtszuordnungen im Sport ist – aber auch, dass die Verbände toleranter sein können als die Aktiven. Die zweiundzwanzigjährige Sarah Gronert, die intersexuell geboren und dann anfangs als Junge erzogen wurde, hat sich nach der Pubertät entschieden, als Frau zu leben. Sie kann ein gynäkologisch-endokrinologisches Attest vorzeigen, das sie als Frau ausweist und eine entsprechende Geburtsurkunde. Auf dem Platz war die Spielerin so erfolgreich, dass sie Westfalenmeisterin wurde und in der deutschen Rangliste innerhalb weniger Monate von Platz 300 auf Platz 31 vorrückte. Beim internationalen Turnier im niederländischen Alkmaar kam es zum Eklat, als Gegnerinnen der jungen Senkrechtstarterin, die Platz 700 der Weltrangliste besetzte, nach erfolgreichen Spielen ihren ATP-Punkten gratulierten – also Punkten für die Tennistour der Männer. Gronert hat sich zurückgezogen und eine Lehre begonnen.
Der Westfälische Tennisverband und ihr Verein, der Ruderclub Hamm, hoffen allerdings, dass sie den Weg zurück in den Wettkampfsport findet: „Das Verhalten ihr gegenüber ist eine schlimme Diskriminierung“, unterstrich die Vizepräsidentin des Verbandes gegenüber dieser Zeitung. Man werde gegen Vereine und Spieler vorgehen, die behaupten, dass Sarah Gronert keine Frau sei. Wird die Drohung mit dem Recht gegen Vorurteile helfen? Derzeit erweist sich der Sport, ob in Peking oder Alkmaar, noch als eine der letzten Bastionen der Normalität.

PS: Im Dezember 2008 entschloss sich die Tennisspielerin Sarah Gronert, künftig wieder bei Wettkämpfen anzutreten. Wir werden sehen, ob bzw. wie sich dieser Konflikt weiterentwickelt. Die Pressemitteilung von Sarah Gronert zu ihrem Weitermachen finden Sie hier.

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