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Oliver Tolmein

Kriegsgespräche

Ein Gespräch mit Christian Geissler über "kamalatta"

Veröffentlicht in: konkret 02 / 89, S. 54
Mit Christian Geissler sprach Oliver Tolmein

Romane, die den bewaffneten Kampf der RAF zum Thema haben, sind in den letzten Monaten einige geschrieben worden. Christian Geisslers "Kamalatta" ist der einzige, der sich von der RAF nicht abgrenzt, den Weg in die Illegalität nicht ausschließt - allerdings auch andere, legale Möglichkeiten der oppositionellen Arbeit gegen dieses System und die von ihm produzierten Zwangsverhältnisse thematisiert. "Ich werde schreiben, um klarzumachen, wie die verschiedenen Arten zu kämpfen zusammengehören und daß in den Klassenkämpfen die Frage nach dem bewaffneten Angriff immer mitenthalten ist", beschrieb Christian Geissler in einem Gespräch, das für die Dezember-Ausgabe von KONKRET gedacht war, seine Arbeitsintention seit 1970.

Das zweite Gespräch fand im Januar statt, nachdem er seine Lesereise beendet und etliche Besuche bei Gefangenen aus der RAF gemacht hatte. Es soll ein Beginn sein für die von Geissler vorgeschlagene Arbeits-Korrespondenz innerhalb der Linken, zwischen den Gefangenen, den legal und illegal agierenden Gruppen, eine Auseinandersetzung über linke Strategien und Taktiken, ein Streit über Aktionen und das ihnen jeweils zugrunde liegende Politikverständnis, ein Gespräch über die sehr verschiedenartigen Erfahrungen der verschiedenen linken Fraktionen.

KONKRET: Wir sitzen jetzt zum zweiten Mal zusammen und sprechen über dein Buch "Kamalatta". Das erste Interview hast du, obwohl es uns sehr gut gefallen hat, nicht autorisiert - weil du dich selber "unerträglich labrig" fandest und Sorge hattest, die Unsicherheiten, die zum Ausdruck kamen, machten dich angreifbar. Meinst du, daß man über dein Thema, Kalamatta, den Befreiungskampf, nur in der verschlüsselten und ganz sorgfältig jedes einzelne Wort arbeitenden Kamalatta-Sprache sprechen kann?

Geissler: Ich habe sowas noch nie gemacht: Sprache, die ich gesprochen habe, zurückzunehmen. Das ist nur zu erklären mit dem Thema. Wenn wir beide, oder einer meiner Genossen und ich, über die Fragen des Kampfes sprechen würden, dann würde ich unter uns jede Frage, jeden Schmerz, jede Undeutlichkeit, jede Unsicherheit mir auch gestatten. Nur so können wir uns klar darüber werden, wo diese Punkte sind. Das in der Öffentlichkeit zu machen, also die Unsicherheit, die eigenen Ängste, damit meine ich nicht die vor den Bullen, sondern die, in der Sache etwas falsch zu machen, diese Ängste öffentlich rauszulassen, finde ich wirklich gefährlich. Bestimmte Kreise warten da nur drauf: daß sie uns in diese verletzbaren Bereiche, wenn wir sie zeigen, reintreten und so unsere Unsicherheit gegen uns und zu ihren Gunsten wenden können. Das heißt ausdrücklich nicht, daß ich prinzipiell den Menschen wünsche als einen in sich sicheren.

KONKRET: Ich finde, daß das eine gefährliche Haltung ist. Wenn wir nach außen hin versuchen, eine geschlossene Front zu zeigen, die in Wirklichkeit gar nicht geschlossen ist, wenn wir öffentlich eine Klarheit behaupten, die wir nicht haben, dann kann es geschehen, daß in einer Krisensituation das scheinbar so fest Gefügte mit großem Getöse zusammenbricht. Wäre es nicht in der aktuellen Situation, angesichts verbreiteter Stagnation und vielerorts spürbarer Ratlosigkeit besser, derartige Rücksicht nicht zu nehmen und das Risiko des offenen und damit notwendigerweise auch öffentlichen Gesprächs einzugehen, über Zerstrittenheit in unseren Reihen, über Sackgassen, in die uns die Militanz geführt hat, über die Schwierigkeit, den Weg zu finden, auf dem wir stärker werden können?

Geissler: Wenn es viele öffentlich führen, dieses Gespräch, bin ich sofort mit allen Unsicherheiten dabei. Aber du mußt dir auch klar darüber sein: Wir sprechen, wenn wir öffentlich sprechen, in feindlichem Gebiet. Und zwar feindlich in dem Sinne, daß hier Interessen gegen uns gerichtet sind, die auf die Zerstörung unseres Denkprozesses zielen. Wir befinden uns einer Front gegenüber, die uns angreifen will. Deswegen stellt sich die Frage: Was lassen wir angesichts dieser Frontverhältnisse öffentlich raus? Und da hatte ich bei unserem ersten Gespräch den Eindruck: Ich alleine, der so viel Unsicherheit öffentlich macht, bin zu verletzlich - und die Sache, um die es geht, ist dann auch zu verletzlich, wenn sie über mich unsicher raus kommt. Ich gebe dir recht, daß dabei die Gefahr besteht, daß blockiert wird, daß man aus dieser Sorge heraus dazu kommt zu sagen, wir äußern uns nur straight, und die wirklichen Probleme dann nicht nur in der Öffentlichkeit nicht, sondern auch untereinander nicht zur Sprache kommen. Ich kenne das ja noch aus der KPD, wo es hieß: "Der Klassenfeind schläft nie", und darum wurden bestimmte Dinge nie gesagt. Deswegen jetzt so offen wie möglich - damit viele reden.

KONKRET: Du hast in den Texten, die du nach deiner "Kamalatta"-Lesereise geschrieben hast, nach deinen Gesprächen mit vielen Leuten im Knast und außerhalb des Knastes, angeregt, eine Auseinandersetzung in der radikalen Linken, zwischen den Gefangenen und denen draußen zu beginnen. Wo siehst du den Unterschied zwischen deinem Vorschlag, du nennst es eine Arbeits-Korrespondenz führen, und dem Dialog-Vorschlag von Martin Walser, Antje Vollmer und Ernst Käsemann?

Geissler: Der Dialog-Vorschlag ist eindeutig gemacht worden, um einen "Frieden" wiederherzustellen. Das ist ein sehr tückisches Unternehmen: Man benutzt die Verstummtheit, die Verschlossenheit und Isoliertheit der Gefangenen, um, wenn sie in dem Dialogkontext anfangen zu sprechen, ein Nach- und Aufgeben zu erreichen. Meine Korrespondenz-Idee geht von Genosse zu Genosse, und unsere Auseinandersetzung soll in dem Bewußtsein geführt werden, daß wir in Klassenkriegsverhältnissen leben. Es soll keine Korrespondenz werden, die das Ziel hat, dieses Kriegsverhältnis wegzutäuschen, aufzuweichen, wegzulügen. Es sollen also keine Friedens-, sondern Kriegsgespräche werden, aus denen wir lernen, wie wir uns richtiger bewegen, richtiger verständigen können, als wir das bisher meiner Meinung nach getan haben.

KONKRET: Und die Basis, von der aus diese Korrespondenz erfolgen soll, ist "Kamalatta"?

Geissler: Ja, aber das ist kaum mehr als ein Zufall. Wir hätten das Gespräch auch unbedingt eröffnen müssen, wenn nicht gerade das Buch herausgekommen wäre. Aber "Kamalatta" ist ein guter Anlaß, weil dadurch ein gemeinsamer Bezugspunkt da ist, eine Grundlage existiert, in der die Probleme ja schon drinstecken, die viele von uns beschäftigen.

KONKRET: Das kann, in der Kontinuität des gestörten Verhältnisses vieler Linker zu Kunst und Literatur, zur , Folge haben, daß der literarische Text als relativ beliebige Stichwortsammlung für die politische Debatte herhalten muß: Das Buch wird so benutzt, wie es gerade gebraucht wird und in den Kram paßt.

Geissler: Wie es grad gebraucht wird: Das heißt ja, daß sich die Leute am Gebrauchswert des Buches orientieren, und damit bin ich einverstanden. Ich bin zwar der Überzeugung, daß "Kamalatta" literarisch wichtig ist, aber im Zusammenhang mit der Arbeits-Korrespondenz zwischen drinnen und draußen soll der politische Gebrauchswert des Buches uns zum Reden und zueinander hin ins Vertrauen bringen. Wenn es diesen Gebrauchswert hat, verzichte ich auf jede literarische Debatte. Gut, wenn einer trotzdem darauf kommt, daß unsere Inhalte auch noch Schönheit haben etwa oder Musik. Aber ich bin ganz bereit, das Buch zu einem Nutzgegenstand zu machen, beim Auslösen unserer Sprache. Denn das ist mir das Allerunheimlichste in den letzten Jahren: dies Verstummen und diese Neigung, nur noch fertige Sätze rauszulassen, Behauptungen. Das ist nicht nur eine Folge der Isolationsfolter. Das machen wir auch mit uns selbst - teilweise. Wir fürchten vielleicht auch den sprachlichen Angang aneinander, weil Sprache immer etwas Überraschendes enthält, wo einer sich auf den anderen einlassen muß, zuhören. Ich hab oft erlebt, daß in bestimmten Situationen lieber schnell zugeschlagen, als genau zugehört wird. Manchmal ist zuschlagen zwar wichtig, aber so ist das für den gesamten politischen Prozeß schädlich.

KONKRET: Was du sagst, finde ich widersprüchlich. Zum einen bist du bereit, auf die literarische Dimension des Buches zu verzichten, wenn es als Gebrauchsgegenstand für unsere politische Debatte nützlich ist, zum anderen weist du, ich meine zurecht, der Sprache eine herausragende Rolle in der Auseinandersetzung zu: Seine besondere Sprache ist ja aber gerade die neue, die andere Qualität, die "Kamalatta" zum Anlaß für diese Arbeits-Korrespondenz machen kann. Die Kritik an der Ermordung des GIs Pimental, um ein Beispiel aus deinem Buch zu nennen, hat es ja auch schon vorher gegeben - so wie du darüber schreibst, besteht vielleicht die Chance, darüber noch einmal anders, genauer, umfassender zu reden. Aber das kann, meine ich, nur funktionieren, wenn das Buch nicht einfach als Themensteinbruch benutzt wird.

Geissler: Das Wort Nützlichkeit darf nicht so kalt verstanden werden. Für mich ist Nützlichkeit etwas ganz Kostbares: Es drückt aus, daß uns in diesem Fall das Buch in den Kämpfen nützt. Wenn "Kamalatta" jetzt Sprache auslösen sollte bei anderen, dann kommt das daher, daß "Kamalatta" eine eigenartige Sprache spricht. Die Fragen, die tatsächlich schon oft gestellt worden sind, werden darin eigenartig, also in meiner Art aufgeworfen - und dabei kann rauskommen, daß jetzt andere Leute den Mut bekommen, ihre Sprache zu sprechen. Erst wenn jeder die eigene Sprache spricht, kann rüberkommen, was wir meinen, was wir leiden, was wir wünschen. Meine Hoffnung ist, daß die eigenartige Sprache Kamalatta, ohne daß wir sie diskutieren, wenn sie nur rüberkommt, Mut macht, die eigene Sprache in Freiburg und in Frankfurt, in Hamburg oder hier am Deich zu sprechen. So wird "Kamalatta" auch benutzt, aber Nutzen kann so ein teurer Vorgang sein - das ist nichts Armes. Es gibt auch ein armes Benutzen, aber das sind die Blöden, die nichts fragen, die nur abhaken wollen, checken, das stimmt, das stimmt - geschenkt.
Auf der Reise hatte ich ganz oft den Eindruck, daß Menschen nach der Lesung etwas zur Sprache brachten, worüber sie ganz lange geschwiegen hatten. Zum Beispiel: Eine Frau von dreißig Jahren, eine Mutter, fängt an zu fragen, wie ich das gemacht habe - einerseits die radikale Position, andererseits Kinder aufziehen.
Die Kinder, meint sie, kriegen doch Angst. Sie hat dann von ihrem Verhältnis zur politischen Arbeit und ihrem Verhältnis zu Kindern erzählt. Ich hatte den Eindruck, sie hat seit Jahren zum ersten Mal einen Widerspruch zur Sprache gebracht, der uns wichtig sein muß: Wenn "Kamalatta" das auslöst, daß wir ohne Angst vor einem Gremium oder einer Gruppe von den Dingen reden, die uns so schwer fallen - das ist toll.

KONKRET: "Kamalatta" ist ein schön, aber auch mühselig zu lesendes Buch. Durch die eigenartige Grammatik, die konsequente Kleinschreibung, die Reime und Alliterationen werden vielschichtige, vieldeutige Bezüge hergestellt, entstehen Nuancierungen in den Charakteren und ihren Positionen - oft auch Mehrdeutigkeiten. Widerspricht das nicht deinem politischen Eintreten für Eindeutigkeit, für das Entweder - Oder?

Geissler: Wenn Eindeutigkeit ein Synonym ist für Plattheit und Flachheit, dann wollte ich diese Eindeutigkeit nie. Das Schwierige, auch bei "Kamalatta", ist, in Vielfältigkeit eindeutig zu sein. Die Räume, in denen Klassenkampf stattfindet, sind so vielfältig, wie ich sie beschreibe: vom Familienzimmer über Betriebe und die Gänge auf dem Arbeitsamt bis zum klandestinen Versteck. Und es ist schwer, sie untereinander zugänglich zu machen. Die Sprache, von der gesagt wird, sie sei schön, aber auch schwierig, hat was zu tun mit dem wirklich schwierigen Verhältnis, in dem ich mich um Klärung bemühe. Mir ist die Wirklichkeit, auch die Klassenwirklichkeit nicht einfach, weil das eine Menschenwirklichkeit ist, und die kann gar nicht einfach sein. Das ist eine zeitlang mißverstanden worden, bei den "revolutionären", "straighten" Typen, als sei die Klassenwirklichkeit einfach. Sie ist es nur in einem einzigen Punkt: Der Mensch, der sein Leben haben will, muß darum kämpfen, weil es Kräfte gibt, die sein Leben nicht wollen, sondern die seine Ausbeutung wollen. Aber wir als Menschen in diesem eindeutigen Verhältnis - das ist vielschichtig, schwierig, nicht einfach. Um das zu erfassen und zu verstehen, schreibe ich mit meiner Sprache - die suche ich nicht aus einem literarischen Bemühen heraus, sondern um wahrnehmen zu können. Wenn ich eine Landschaft wahrnehme oder ein Kind, ist das nicht einfach. Schönheit ist überhaupt nicht einfach.

KONKRET: Du sagst, die Klassenwirklichkeit sei nicht einfach, es gäbe sehr unterschiedliche Arten, den politischen Kampf zu führen. Aber in der öffentlichen Auseinandersetzung über "Kamalatta" steht das Reden über den bewaffneten Kampf im Vordergrund - so, als ob du vor allem ein Buch über die RAF geschrieben hättest und als ob es eine Hierarchie des Kampfes gäbe, in der die RAF an der Spitze steht.

Geissler: Das wird so wahrgenommen, trotz des breiten Raumes, den ich der Kommunistin Nina und ihrer Arbeitslosenpolitik einräume, trotz der Bedeutung, die Proffs Ehekonflikte haben - und das nehme ich sehr ernst, was den beiden da um die Ohren fliegt. Mir kommt das manchmal so vor, als machten wir den bewaffneten Angriff zu sowas Besonderem, um ihn loszuwerden. Er ist in der Geschichte der Klassenkämpfe nie etwas so Exzeptionelles gewesen: Das oder garnichts - so war das ja nie. Aber heute heben wir das so heraus. Auch jetzt in der Diskussion um "Kamalatta", werden die LeserInnen von nichts so berührt und beunruhigt, wie von dieser Frage - viel mehr berührt als von der Frage, wie eine Familie kaputt geht. Diese Plage der "Mühe ums Leben", wie der dritte Abschnitt von "Kamalatta" heißt, in dem Nina so eine Rolle spielt, tritt demgegenüber relativ zurück - aber ich denke, das ist auch ein Problem der LeserInnen und nicht nur eines des Schreibers, daß ihnen das so nahe rückt.

KONKRET: Aber auch eine Figur wie die Kommunistin Nina wird von dir, zumindest zu einem wichtigen Teil, über ihren Bruder Larry, der als Guerilla-Angehöriger im Celler Hochsicherheitstrakt sitzt, definiert.

Geissler: Nina weiß, wie auch manche ihrer Genossen, jedenfalls um die Notwendigkeit, daß der Kampf ein gemeinsamer bleibt und daß wir immer eine bewaffnete kämpfende Fraktion brauchen - das ist sehr wichtig. Deswegen hält sie den Kontakt zum Bruder, deswegen besuchen Trude und Otto aber auch bei einer DDR-Reise Jakob Kargow, der im Spanischen Bürgerkrieg und im antifaschistischen Widerstand gekämpft hat, um sich dessen Erfahrungen von damals anzueignen. Der 3. Teil, die "Mühe ums Leben", in dem sehr verschiedene Lebens- und Hoffnungs- und Arbeitsformen vorkommen, ist sehr bewußt so ausführlich geschrieben worden und nimmt gerade auch, um so einen Eindruck von Hierarchisierung zu vermeiden, weit mehr als die Hälfte des gesamtes Buches ein. Drei Viertel des Buches handeln nicht von der RAF. Ich nehme den Kampf der RAF-Genossen, anders als das sonst in der Literatur gemacht wird, allerdings ganz ernst - deswegen wird gerade das wohl auch so wahrgenommen.

KONKRET: Es gibt in "Kamalatta" eine kurze Passage, in der es um den Mord der RAF an dem US-GI Pimental geht. In deinem Text sagt die Gruppe, das sei ein Fehler gewesen. Kock, die Figur, die das Thema angesprochen hat, hält dagegen: "das ist kein fehler so eben mal eben, sondern das ist ungeheuerlichkeit, der feind". Nach dieser Kritik, die schärfer nicht vorstellbar ist, müßte sich etwas grundsätzlich verändern - denn wenn es möglich ist, daß eine den Befreiungskampf führende Gruppe sich verhält wie der Feind, ist grundsätzlich etwas schief gelaufen - und sind auch Wiederholungen so eines katastrophalen Fehlers nicht ausgeschlossen.

Geissler: Wenn man das so sieht, daß das ein feindliches Handeln ist, muß man es aussprechen - und besser machen. Schärfstens kritisieren - aber selber etwas machen. Da hört unser Reden übern Tisch auf. Ich kenne keinen der Menschen, die diesen Fehler gemacht haben. Deswegen kann ich nicht mit ihnen reden. Dieses Reden ist aber wichtig, denn nur dadurch läßt sich die Wurzel für so einen mörderischen Fehler finden. Ich habe nicht einmal eine Vorstellung davon, wie der zustande kommen kann, aus meinem Kopf wäre so etwas nie gekommen, unter keinen Umständen, und ich glaube nicht, daß die extrem schwierigen illegalen Kampfverhältnisse als ausreichende Erklärung dafür dienen können. Trotzdem bestehe ich darauf, daß dieser mörderische Fehler auf unserer Seite gemacht worden ist. Es ist nicht auf der anderen Seite passiert - und die Leute, die Pimental erschossen haben, sind nicht meine Feinde deswegen.
Ich muß dazu noch was sagen: Das Erschießen von einem GI ist für mich nicht das Problem, so brutal das klingt. Jemand im Dienst der US-amerikanischen Armee steht gegen die Befreiung von Menschen - und da steht er gefährlich. Mein Problem ist die Relation - und das ist eine ganz eiskalte Mittel-Ziel-Frage: In einer Aktion der Befreiung US-amerikanische Soldaten zu töten, kann notwendig sein. Aber jemanden zu töten, um einen Ausweis zu bekommen - das drückt für mich so eine Leichtigkeit des Tötens, so eine Kälte aus. Die nenne ich feindlich. Es soll keinem Revolutionär jemals leicht werden zu töten.

KONKRET: Menschen zu töten kann immer nur das allerletzte Mittel sein - wenn sonst gar kein Weg bleibt, um eine sinnvolle und das ist immer eine problemlos zu vermittelnde, unbedingt notwendige Aktion durchzuführen. Ich finde deswegen auch Anschläge der RAF, wie die auf Ernst Zimmermann, Kurt Beckurts oder Gerold von Braunmühl falsch - zumal so eine Politik ja auch die Linke insgesamt isoliert und ihrem Ansehen schadet.

Geissler: Was willst du damit sagen?

KONKRET: Der bewaffnete Kampf, so wie die RAF ihn in der Bundesrepublik führt, findet weitgehend isoliert statt - er ist nicht eingebettet in soziale Auseinandersetzungen, er treibt dort nichts voran. Deswegen wird die Auseinandersetzung, die dringend notwendig ist und die "Kamalatta" hoffentlich zur Sprache bringen kann, eine harte, schwierige sein.

Geissler: Es wird auch eine harte und schwierige Auseinandersetzung sein, weil Leute wie wir in ihr anwesend sind als solche, die nur schreiben und nichts weiter. Das meine ich nicht als Selbstbezichtigung - aber bestimmte tägliche und nächtliche praktische Erfahrungen, die uns vereinheitlichen könnten in dem Gespräch mit denen, die diese Erfahrungen im illegalen Kampf machen, fehlen uns . Ich will nicht das Nachdenken denunzieren - aber wir müssen uns über die großen Unterschiede in den Voraussetzungen, die zum Gespräch führen, bewußt sein, es wird aufgrund dieser Unterschiedlichkeit ganz sicher erhebliche Spekulationen geben. Ich will deswegen genau zuhören, um was zu verstehen, wenn die, die solche Aktionen machen, sprechen. Ich wünsche aber auch, daß sie genauso zuhören, wenn ich aus meinen Erfahrungen als Schriftsteller, als Familienvater, als Nachbar von Arbeitern hier am Deich spreche.

KONKRET: Es ist sicherlich nicht produktiv für die politische Debatte, wenn wir vom Schreibtisch aus versuchen, als Punktrichter die Kämpfe zu bewerten: Blockadeaktion - Daumen rauf, Anschlag auf einen Wirtschaftsboß - Daumen runter. Andererseits muß ich, um Anschläge wie die auf Gerold von Braunmühl ablehnen zu können, um die Todesschüsse an der Startbahn zu kritisieren und festzustellen, daß uns das nicht weiterbringt, sondern schadet, nicht den Praxisnachweis erbringen. Unsere Kritik mit dem Verweis auf fehlende praktische Aktivität vom Tisch zu wischen, scheint mir nur eine recht bequeme Ausweichreaktion zu sein.

Geissler: Ich finde, du hast recht, wenn du sagst, daß wir uns mit dem Verweis auf unser "nur" Schreiben nicht kleinmachen lassen dürfen, weil wir eine Mitverantwortung für die Kämpfe haben - und weil wir eben auch unsere Erfahrung, zum Teil eine sehr lange politische Erfahrung haben. Und wenn ich davon ausgehe, dann ist mir der Tod, das Töten von einem Mann wie Beckurts oder Braunmühl unheimlich wegen der Beliebigkeit. Daß auf der Seite der Apparate, die weltweit so viel Blutvergießen bewirken, diejenigen, die in diesem Apparat verantwortlich sind, für dieses Unrecht sterben sollen - das ist mein Problem nicht. Aber daß die so austauschbar sind, daß es so beliebig werden kann, wie das beispielsweise bei Braunmühl ganz auffällig ist, weil er ja nun ein paar hundert Kollegen im Außenministerium hat und einen Chef, und jeder hätte ausgesucht werden können für die Hinrichtung, wie es in den Erklärungen der Gruppe heißt. Was ist dann das Eigenartige an Braunmühl, daß er getötet wurde und alle die anderen Mittäter nicht? Und da bekommt so eine Aktion, die ja ums Leben geht - und wo der Klassenkampf direkt Leben angreift, bekommt er eine besondere und erschütternde Qualität - , eine Beliebigkeit, die auf das ganze politische Handeln abfärbt. Wäre uns im Klassenkampf Beliebigkeit freigestellt, erlaubt - wonach richten wir dann unsere Schritte, was bestimmen wir dann als notwendig? Aber mit wem kann ich das richtiger besprechen als mit denen, die das getan haben?

KONKRET: Es gibt in "Kamalatta" den wunderschönen Satz: "die mystifikation des kollektivs hat zur voraussetzung die resignation gegenüber der klasse".

Geissler: Der Akzent liegt auf "Mystifikation".

KONKRET: Wo wird aus der Erkenntnis, daß es notwendig ist, im Kollektiv zu arbeiten, eine Mystifikation?

Geissler: Wenn ein Mensch sagt, er habe nicht gelebt, bevor er im Kollektiv war, dann setzt da die Mystifikation ein - und gleichzeitig mißhandelt so ein Mensch sein ganzes eigenes Leben zuvor, das ihn überhaupt dazu geführt hat, kollektiv kämpfen zu können. Aber diesen Satz: "Ich habe nicht gelebt, bevor ich im Kollektiv war", gibt es.

KONKRET: Was ist für dich das Kollektiv? Sind das die, die bewaffnet kämpfen, oder ist das jede linke Organisation, oder sind das nur kleine Gruppen von Freunden?

Geissler: Das kann ich nur sehr abstrakt beantworten. Kollektiv - das ist freiwillig die Vergesellschaftung der Einzelnen zu sich selbst (jeder er selbst als wir selbst). Ich weiß ja nicht, ob das überhaupt geht - aber ich liebe den Gedanken. Die Frage ist mir sehr wichtig - sie gehört zu denen, die in dieser Arbeits-Korrespondenz unbedingt diskutiert werden sollten. Und wir müssen vor allen Dingen von denen, die so kollektive Erfahrungen gemacht haben, etwas hören, worin sie den Unterschied sehen zu unseren vereinzelten Erfahrungen hier. Ich meine, da gibt es etwas zu lernen für die bevorstehenden Kämpfe. Was ist das Kollektiv selbst, wie entsteht es, was verändert sich in den Auseinandersetzungen, die dort geführt werden.

KONKRET: Du hast nach deiner Lesereise, nach deinen Besuchen in den Knästen einen Brief an Leute, die du dort getroffen hast, geschrieben und mitgeteilt, daß du dich an dein nächstes Buch setzt. Wirst du dich jetzt wieder vier Jahre lang, wie bei "Kamalatta", zurückziehen?

Geissler: Nein. Ich habe zwar wieder angefangen, eine Geschichte zu schreiben, aber in diesen Tagen ist ein US-amerikanischer Flottenverband unterwegs, ich sage: gegen uns, und ich sitz da, wieder einmal mit nichts in der Hand gegen diesen gewaltigen, eiskalten Angriff, und ich hab also meine Arbeit an der Erzählung unterbrochen und angefangen, ein Konzept zu schreiben, wie wir endlich dazu kommen, einen solchen Angriff, wie er jetzt in den Medien beschrieben wird, anders zu beantworten als mit leeren Händen. In Zukunft und international. Die Ohnmacht ist eine widerliche Erfahrung.
Oder ist etwa genau dieser Satz, genau dieser Schmerz der Ausgangspunkt für einen wichtigen Irrtum, für einen schrecklichen Irrtum, der Ausgangspunkt für eine Angst, die buchstäblich Schrecken erzeugt? Auch darüber denke ich nach, auch gerade aus "Kamalatta" denke ich über das nach. So geht das also immer weiter. In Widersprüchen.

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